Respekt vor der Jugend

IMG_6195

Von Tanja Bruske-Guth

Main-Kinzig-Kreis. Katharina Candia Avendano (20 Jahre) aus Nidderau, Felix Meixner (16 Jahre) aus Frankfurt und Jannik Marquart (19 Jahre) aus Hasselroth sind nicht nur unterschiedlich alt und kommen aus unterschiedlichen Kommunen – sie sind noch dazu Mitglieder unterschiedlicher Parteien. Und doch haben sie vieles gemeinsam: Sie engagieren politisch und sind davon überzeugt: Auch oder vielleicht gerade als junger Mensch kann und muss man etwas verändern.

Die drei jungen Leute haben bereits eine beachtliche politische Laufbahn eingeschlagen. Katharina Candia Avendano ist stellvertretende Vorsitzende der Kreis-Jusos und für die SPD für den Kreistag nominiert; sie studiert Mediamanagement in Mainz. Für sie ist Politik ein sehr emotionales Thema. Sie engagierte sich schon früh beim DRK, wo es um Werte wie Menschlichkeit, Unabhängigkeit und Unparteilichkeit ging.  „Ich denke, dass unser System darauf beruht, dass alles in Bewegung ist. Alles wird von uns Menschen gesteuert. Politik ist nur das, was wir machen. Aber wenn Leute nicht weitermachen, stoppt es. Das ist vielen nicht bewusst – auch nicht, was Demokratie ist und was Freiheit bedeutet.“ Die SPD stehe für Werte, über die es für sie nichts zu streiten gebe – deswegen fand sie dort ihre politische Heimat.
Jannik Marquart hat nach dem Abi ein Jahr in Neuseeland verbracht und ist ab September ebenfalls Student. Der Beisitzer im Kreisvorstand der Jungen Union und in seiner Heimatgemeinde Hasselroth Vorsitzender der Jungen Union hat einen ganz konkreten Grund, sich politisch zu engagieren: „Ich mag es nicht, dass wir so viele Schwarzmaler in Deutschland haben – Leute, die sagen, alles wäre Scheiße, aber selbst keine Vorschläge bringen.“ Er wollte selbst Vorschläge machen, sich einbringen. Dass es für ihn die JU wurde, hat mit dem christlichen Menschenbild zu tun, das seiner Meinung nach das Fundament der Gesellschaft bildet und auf dessen Werten politische Entscheidungen getroffen werden sollten. „Außerdem ist die JU bei uns die aktivste Jugendorganisation vor Ort“, meint er pragmatisch. Sein Interesse liegt in der Kommunalpolitik, „weil es einfach schön ist, mit den Leuten vor Ort zu reden, Politik zu machen und spätestens beim nächsten Kneipenbesuch das Feedback zu meinen Ideen zu bekommen“. Die Rückmeldung falle manchmal harsch aus, manchmal werde er aber auch zum Bier eingeladen. „Das es so ungefiltert ist, ist das Schöne an Politik vor Ort.“
Der jüngste der Runde, Felix Meixner, ist bei den Frankfurter Jungen Liberalen stellvertretender Landesarbeitskreisleiter Bildung, Wissenschaft und Kultur, aber altersbedingt erst seit kurzem Mitglied der FDP. Er interessierte sich schon früh für Politik, nachdem er als Zwölfjähriger die Schulsprecherwahl gewonnen hatte. Ihm fiel damals die FDP auf, die zu seinem Lebensgefühl passte – „nicht, wie die FDP sich gab, sondern was sie verkörperte“. Gerade jetzt, wo sich die FDP neu organisiert, findet er es wichtig, sich zu engagieren.
Eigentlich sei es ihr egal, in welcher Partei andere Leute sind, meint Katharina. „Hauptsache, sie nutzen ihre eigene Meinung.“ Gerechtigkeit ist ihr sehr wichtig. „Man kann sich nichts darauf einbilden, in welche Welt man geboren wird“, meint sie. Und, mit einem Blick auf Felix: „Ich habe nichts gegen Kapitalismus. Aber es geht heute besser. Viele Firmen könnten viel mehr machen.“
Das parteipolitische Denken sei bei jungen Politikern nicht so verbissen, meint Jannik. „Man sagt ja immer, es gebe bei jungen Leuten eine Politikverdrossenheit. Das ist aber eher eine Parteienverdrossenheit..“ Die Jugend beschreite mittlerweile neue Wege, über Social Media. Dem stimmt Katharina zu: „Jeder Mensch ist politisch, denn jeder ist in der Lage, sich eine eigene Meinung zu bilden. Politik ist kein hochgestochenes Thema, solange man offen ist.“ Auf persönlicher Ebene würden die Leute nicht über ihre politische Meinung streiten. „Aber auch bei jungen Leuten ist oft Gezanke dazwischen, das sinnlos ist – das ist vielleicht einfach Tradition. Wenn dann hinterher alle zusammen ein Bier trinken, ist alles super.“ Man könne gut mit Leuten befreundet sein, die eine andere politische Meinung haben – „solange sie nicht menschenverachtend ist“.
Bei ihm in der Stadt gebe es ein ähnliches Bild, meint Felix. Das „Gezanke“ habe sich etwas gelegt. „Es gibt natürlich diese Vorurteile – Schwarz-Weiß-Denken existiert auch bei Jugendlichen immer noch. Aber wenn man frisch dabei ist, ist es eine Seltenheit.“ Es sei notwendig, dass Parteien miteinander arbeiten können. Würden sich die Parteien bekämpfen, fange das System an zu bröckeln, meint er. Deswegen seien Kontakte notwendig. „Diplomatie ist sehr wichtig“, meint auch Katharina. „Wenn eine Partei regiert, regiert sie für alle anderen Parteien, die weniger Stimmen haben, genau so mit. Da muss man darauf hören, was das Land will.“ Viele heiß diskutierte Fragen seien weniger politisch als gesellschaftlich relevant. „Das hat etwas mit gesellschaftlichem Wandel zu tun. Darauf sollten die Parteien auch schauen und entsprechenden Weitblick haben – das ist schwierig, wenn Leute das nicht können“, meint sie mit Blick zum Beispiel auf die Diskussion um die „Homo-Ehe“.
Durch Politik, meint Jannik, lerne man zu kooperieren und andere Meinungen zu tolerieren. Er selbst steht dem Thema „Homo-Ehe“ positiv gegenüber, obwohl seine Partei einen anderen Kurs fährt. „Viele junge Leute denken, man müsste zu 100 Prozent mit den Inhalten einer Partei übereinstimmen, um einzutreten. Das ist nicht richtig.“ Er sei sowohl für die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften als auch für das Adoptionsrecht für homosexuelle Paare. „Deswegen trete ich nicht gleich aus der CDU aus, sondern versuche mich einzubringen und für Gleichberechtigung einzutreten.“
Es sei wichtig, dass sich Parteien weiterentwickeln, Fehler einsehen und nicht stillstehen, meint Katharina. „In vielen Parteien läuft es scheiße für die Jugendlichen, weil die Leute dort einfach so alt sind – das ist einfach so.“ In deren Generation sei über die sexuelle Orientierung nicht gesprochen worden, da sei eine Ablehnung solcher Thematiken nachvollziehbar. „Ich kann so eine Meinung kaum tolerieren, aber ich weiß, dass sie nichts dafür können“, meint sie. „Deswegen ist es um so wichtiger, dass wir uns einbringen.“
Der hohe Altersdurchschnitt ist bei allen Parteien ein Problem – da sind sich Katharina, Felix und Jannik einig. „Man kann sich kaum vorstellen, dass über 60-Jährige Dinge entscheiden, die in 20, 30 Jahren relevant sein werden“, meint Katharina. Da sei es nur fair, dass junge Leute mitreden dürfen.
Hin und wieder bekommen man schon zu hören: „Denkst du nicht, du bist zu jung dafür?“ Trotzdem sei es möglich, sich zu beweisen, meinen die Drei. Vielleicht sei es auf lokaler Ebene schwieriger als auf Bundes- oder Landesebene, weil man dort noch näher dran sei, findet Katharina. Felix bestreitet das: Bei der FDP seien die Vorurteile auf Landesebene noch groß. Dort müsse man ein bestimmtes Alter erreichen, damit man sich ernst genommen fühlen kann. Auf Kreisebene hingegen würden junge Leute super angenommen. Würde man sich engagieren, werde das auch gesehen und honoriert.
Im Ort gebe es innerhalb der Partei gar keine Probleme, akzeptiert zu werden, meint Jannik. Schwieriger sei es, sich bei der Bevölkerung zu behaupten. Bei kritischen Texten habe er bereits gesagt bekommen, es fehle ihm an Respekt vor den Älteren. „Nur weil ich jung bin, kann ich doch trotzdem meine Meinung sagen“, findet er. So ein Gebaren halte junge Leute oft davon ab, sich zu engagieren.
Dabei sei eher das Gegenteil der Fall – oft fehle der Respekt vor den Jugendlichen, meint Felix: „Dass die Politikverdrossenheit bei Jugendlichen zunimmt, hat schlichtweg damit zu tun, dass sie nicht ernst genommen werden – nach dem Motto: ‚Du hast doch noch die Eierschalen hinter den Ohren, wir Alten wissen es besser als du’. Damit ekelt man viele jüngere Menschen weg. Wenn jemand gute Ideen hat, mögen sie noch so abwegig sein, kann man ihm nicht absprechen, da eine Meinung zu bilden.“
„Ich finde Respekt beginnt schon vor der Jugend“, setzt Katharina hinzu. Viele Themen, die Kinder und Jugendliche betreffen – Bildungspolitik sowie Sozial- und Bildungspolitik – würden unheimlich langsam vorangetrieben. Das hänge auch damit zusammen, dass die Länder zum Beispiel bei der Bildungspolitik keine einheitliche Linie fahren und dem Bund die Hände gebunden seien. „Wenn die Politik es nicht schafft, ordentliche Jugendpolitik zu machen, ist sie nicht sehr attraktiv für Jugendliche.“
Felix weist darauf hin, dass oft Politik an der Jugend vorbei gemacht werde – zum Beispiel mit „sauteuren Rentenpaketen“, die nur einem Teil der Bevölkerung dienten. Auch die Diskussion um die „Homoehe“ sei ein Beispiel dafür – gesellschaftlich sei diese längst kein Problem mehr und werde als gerecht angesehen. Auf Bundesebene hingegen passiere nichts. „Da wird sich nur geschämt“, meint Katharina. „Es fehlt das Bewusstsein für gesellschaftliche und jugendpolitische Themen“, findet Felix. Wirtschaftspolitik sei ja nicht schlecht, aber innenpolitisch müsse sich ebenfalls etwas tun. „Da sind wir inhaltlich alle drei ganz nah beieinander“, bekräftigt Jannik Marquart. Er sieht, auch lokalpolitisch, ein großes Problem darin, dass sich die älteren Politiker schwer damit tun, unpopuläre Entscheidungen zu treffen.
„Ganz oben findet man ganz wenig Gesellschaftskritik. Das sind so Themen, wo jede Partei die Chance hätte zu sagen: ‚Jetzt machen wir mal was, wo alle sagen: Ja, das ist geil!’. Aber im Bund passiert überhaupt nichts, weil sie alle Angst haben, solche Entscheidungen zu treffen. Veränderung ist sehr wichtig, und ich finde, Toleranz gegenüber Vielfalt, die gelebt werden muss, ist es auch.“
In dieser Hinsicht seien sich junge Leute oft parteiübergreifend einig, meint Jannik. Viele  Jugendliche würden nach dem Schulabschluss erst mal die Welt entdecken gehen. „Dadurch entsteht eine sehr weltoffene junge Generation, und da haben wir vielleicht in 20 Jahren nicht mehr so einen Schmarrn wie Pegida und brennende Asylantenheime in Deutschland. Das wäre wünschenswert, und in  die Richtung geht es hoffentlich.“
Das sei aber nur möglich, wenn die Bildungspolitik entsprechend gefördert, Chancengleichheit geschaffen werde – auch da sind sich die Vertreter von JuLis, Jusos und Junge Union einig. Wie genau ein funktionierendes Schulsystem aussehen könnte, darüber besteht Diskussionsbedarf. Doch dass sich etwas ändern sollte, finden alle Drei.
Als junger Mensch könne man viel in der Politik bewirken, meinen Jannik, Katharina und Felix – sowohl auf kommunaler Ebene als auch in Kreis und Land. „Bei vielen Jugendlichen ist die Haltung da, man könne sowieso nichts erreichen oder würde scheitern – das ist aber nicht wahr“, meint Felix. Gute Vorschläge würden immer angenommen. Er plädiert dafür, im Politik- und Wirtschaftsunterricht eingehender darüber zu reden, wie Meinungsbildung funktioniert. „Denn wenn ich Leuten erzähle, wie einfach das eigentlich ist, glauben sie es kaum. Das ist eine Geisteshaltung, diese ‚German Angst’ – die Angst, zu scheitern, anstelle es zu versuchen.  Ich vermisse es von Seiten der Parteien, in dieser Hinsicht mehr Offenheit zu zeigen.“
Katharina rät jungen Leuten ganz simpel: „Hab Lust. Trau dich zu sagen, was du denkst. Keine Angst vor Politikern – ihr habt schon mal etwas gemeinsam: Ihr wollt etwas verändern, also redet doch miteinander. Man muss nicht die gleiche Meinung haben, es geht nur darum, etwas gemeinsam zu entwickeln.“
„Nur den Kopf nicht einziehen“, meint Jannik. „Und um das Werkzeug zu vermitteln, sich eine eigene Meinung zu bilden, brauchen wir bessere politische Bildung an Schulen.“
Mit einem Zitat von Mathias Strolz bringt es Felix auf den gemeinsamen Nenner: „Politik ist der Ort, wo wir miteinander ausmachen, wie wir miteinander tun.“  Und dafür lohnt es sich, sich zu engagieren.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Respekt vor der Jugend

  1. Ich freue mich über jeden, der nicht in der Chor der Politikverdrossenen einstimmt. Machen statt meckern, klingt simpel, stimmt aber – jedenfalls nach meiner Erfahrung.
    Respekt für Katharina, Felix und Jannik, ich wünsche Ihnen ganz viel Motivation + Offenheit in ihrem politischen Engagement.

    Gefällt mir

Was ist Eure Meinung dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s