Handeln statt Resignation

zv

Jede Zeit hat ihre großen Geister, Idole, Vorkämpfer und Revolutionäre. Menschen wie Mahatma Gandhi, Nelson Mandela oder Mutter Teresa – soziale Helden des 20. Jahrhunderts – inspirieren noch heute Jung und Alt; zugleich jedoch steht unsere Welt inzwischen vor teilweise verschärften und mitunter ganz neuen, vielleicht vielfältigeren, in jedem Fall aber dringlichen Herausforderungen von womöglich bislang ungekanntem Ausmaß. Und wer sind eigentlich die Ikonen unserer Zeit, die der in vielen Teilen der Welt um sich greifenden Hoffnungslosigkeit etwas entgegenzusetzen wissen und die heutige junge Generation zu Aktion statt Resignation motivieren können?
Gewalt und Krieg, Not und Elend, Geldgier und Klimawandel, Überwachung und Unfreiheit – die Liste der Herausforderungen und Bürden des 21. Jahrhunderts ist lang und auf den ersten Blick desillusionierend. In ihrem tiefschürfend und umfangreich recherchierten Sachbuch stellen Hermann und Kira Vinke jedoch beinahe zwanzig Menschen aus aller Welt vor, die sich diesen Problemen stellen, und mehr noch: in den Weg stellen. In Porträts, die vielfach durch persönliche Interviews sowie Auszüge aus Reden oder Publikationen ergänzt werden, lernt der Leser die Hoffnungsträger und ihre Projekte kennen.
Dass das Buch keineswegs abstrakte und lebensferne Themen behandelt, die Jugendliche kaum tatsächlich tangieren, beweist direkt das erste Kapitel: Um Big Data, den Überwachungsstaat und die digitale Revolution geht es, und Menschen wie Edward Snowden, aber auch die kubanische Bloggerin Yoani Sánchez oder Jaron Lanier, Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, werden vorgestellt. Ihre Leistungen und Opfer beeindrucken ebenso wie die jener Menschen, die in erster Linie um Freiheit und Menschenwürde kämpfen – etwa Aung San Suu Kyi aus Myanmar oder die deutsch-iranische Künstlerin Parastou Forouhar. Gegen Armut und Ausbeutung setzen etwa Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisationen Cap Anamur und Grünhelme e.V., deutliche und effektive Zeichen – ebenso wie beispielsweise die junge Deutsche Bettina Schulte, die im Flüchtlingslager Dadaab im Einsatz ist. Gegen Banken, Betrüger und Spekulanten gibt es gleichermaßen Widerstand; hier ist Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus mit seiner Grameen-Bank, die Mikrokedite vergibt, einer der bemerkenswertesten Vorkämpfer. Auch Menschen, die gegen den Klimawandel, den Hunger in der Welt und schließlich für das Recht auf Bildung eintreten – unter ihnen zum Beispiel Hans Joachim Schellnhuber, Jean Ziegler oder die jüngste Friedensnobelpreisträgerin der Geschichte, Malala Yousafzai – räumt das Buch Raum ein und porträtiert die beeindruckenden Persönlichkeiten umfassend und kritisch.
Insbesondere die Mischung aus bereits berühmten und eher unbekannten Gesichtern, die Hermann und Kira Vinkes Auswahl durchzieht, überzeugt; denn so ist ihre Zusammenschau nicht nur ein inspirierendes Werk, das Hoffnung macht, sondern vermittelt eine Überzeugung, die die Meeresforscherin Sylvia Earle auf den Punkt bringt: „Viele von uns fragen sich, was kann ich als einzelne Person tun? Aber die Geschichte hat uns gezeigt, dass alles Gute und alles Schlechte anfing, weil irgendjemand etwas tat oder nicht tat.“
Ein hochbrisantes, facettenreiches und tiefgründiges Sachbuch mit fesselndes Porträts bemerkenswerter Persönlichkeiten, das von der ersten Seite an mitreißt und eine wichtige Botschaft eindringlich, aber ohne jede Effekthascherei zu vermitteln vermag; ein Text, der aufrüttelt und teilweise schockiert, aber zum Handeln statt zur Resignation motiviert.
Nicht nur empfehlenswert, sondern geradezu ein Muss für alle jungen Leute, denen die Welt, in der sie heute leben und auch zukünftig leben wollen, nicht gleichgültig ist.
„Zivilcourage 2.0: Vorkämpfer für eine gerechte Zukunft“ von Hermann und Kira Vinke ist im Ravensburger Buchverlag erschienen.     (fpf)

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