„Nicht nur reden, etwas tun!“

IMG_6863

Von Tanja Bruske-Guth

Langenselbold. Die Flüchtlingsfrage ist ein Thema, das derzeit ganz Deutschland bewegt. „Jeder teilt die Bilder und die Statements bei Facebook – aber das reicht nicht, man muss auch etwas tun“, meint Maximilian Klauser aus Langenselbold. Während viele nur reden, sind er, Mona Schwanzer und Anja Agrusow tätig geworden. Die beiden 17-Jährigen und die 13-Jährige engagieren sich in ihrer Heimatstadt Langenselbold für junge Flüchtlinge.

Die 17-jährige Mona Schwanzer ist eine der Initiatorinnen der Hausaufgabenhilfe für Flüchtlingskinder in Langenselbold. Seit Anfang des Jahres kümmert sie sich jeden Dienstag um die Sieben- bis 15-Jährigen, die in der Unterkunft „Am Weiher“ in der Nähe des Bahnhofes leben. Ihr ehemaliger Schulkollege Maximilian Klauser, ebenfalls 17 Jahre und jetzt am Beruflichen Gymnasium in Gelnhausen, ist vor den Ferien dazugestoßen, und seit zwei Wochen ist auch die 13-jährige Karl-Rehbein-Schülerin Anja Agrusow Teil des Teams, zu dem auch die beiden Erwachsenen Alexandra Heddrich und Sabine Reeh gehören. Sie alle verbindet der Wunsch danach, die Flüchtlinge zu unterstützen.
Bei Mona war es ihre Großmutter, die den Ausschlag gab; denn dass diese sich mit 79 Jahren plötzlich für Flüchtlinge einsetzte und mit vollem Herzen im Langenselbolder Unterstützerkreis mitarbeitete, machte Eindruck bei der Schülerin, die die zwölfte Klasse des LOG in Bruchköbel besucht. „Meine Oma hat mich aufgefordert, mich ebenfalls zu beteiligen, vielleicht Deutschunterricht zu geben“, erinnert sich Mona. So ging sie mit zu einem der regelmäßigen Begegnungscafés, lernte einige der Flüchtlinge kennen. „Ich fühlte mich im Unterstützerkreis sofort wohl und wusste, dass ich dort richtig bin“, sagt Mona. Doch statt Deutschunterricht hatte sie eine andere Idee: „Hausaufgabenhilfe fand ich wichtiger, denn dass die Kinder in der Schule mitkommen, ist die Hauptsache.“
Das Angebot wurde von den Flüchtlingen und ihren Eltern dankbar angenommen, doch es gab ein paar Stolpersteine. „Am Anfang saßen wir um einen Küchentisch , und mit zehn bis 15 Kindern war es mir teilweise etwas zu viel“, erinnert sich Mona. Doch dann bekam sie nicht nur Helfer, sondern von der Stadt auch einen Raum für die Hausaufgabenbetreuung zugewiesen. „Unser Ziel ist: Solange diese Kinder und Jugendlichen hier sind, wollen wir uns sinnvoll mit ihnen beschäftigen und ihnen eine schöne Zeit bescheren.“ Dabei sei sie überrascht gewesen, wie intelligent und wissensdurstig die Kinder sind. „Ich dachte, dass ich sie zum Lernen motivieren müsste, aber sie waren von Anfang an voll dabei.“
Eine Schwierigkeit sei oft der Unterrichtsstoff. Ein Zwölfjähriger sollte sich in der sechsten Klasse im Deutschunterricht mit Harry Potter befassen. „Nun erklären Sie das mal jemandem, der noch nie davon gehört hat und die Sprache gerade erst lernt. Es wäre schön, wenn darauf ein wenig Rücksicht genommen würde und es vielleicht mehr Förderkurse gäbe – da muss sich noch einiges tun“, findet Mona.
Anja kam über die Stadt Langenselbold zum Unterstützerkreis – sie habe während der Ferien und darüber hinaus eine sinnvolle Beschäftigung gesucht und sei durch ihre Mutter auf diese Möglichkeit aufmerksam geworden. „Ich fand die Idee richtig gut. Ich will in drei Jahren Abi machen, danach studieren, vielleicht  ein Jahr ins Ausland – aber diese Kinder wissen überhaupt nicht, was in der Zukunft mit ihnen geschieht“, sagt Anja. „Wenn wir mit ihnen Hausaufgaben machen, wissen sie zumindest die kommenden zwei Stunden, was auf sie zukommt, und das scheint ihnen sehr gut zu tun.“
Mona kennt mittlerweile viele Flüchtlinge und weiß, was für Schicksale hinter den Menschen stehen. „Wenn ich etwas dazu beitragen kann, dass sie hier in einem Land leben können, in dem kein Krieg herrscht, dann will ich das tun – und ich wollte mit den Menschen selbst arbeiten, nicht einfach spenden.“
Gerade die Kinder und Jugendlichen hätten eine gute Chance, dies wolle sie unterstützen. Sie bedauert, dass sie nicht noch mehr Zeit in diese ehrenamtliche Tätigkeit investieren kann.
Die Kinder freuen sich, wenn die Helfer auftauchen, ebenso wie die Eltern. „Wir werden jedes Mal freundlich begrüßt, bekommen Kaffee gekocht und Kekse auf den Tisch gestellt“, berichtet Mona. Der schönste Dank sei jedoch, wenn die Kinder in der Schule Fortschritte machten. „Wenn sie mir freudestrahlend eine gute Note zeigen, ist das das Größte.“ Ein Bild, das ein Mädchen, das die Unterkunft verließ, für Mona zum Abschied malte, hängt in ihrem Zimmer gerahmt an der Wand: eine Rose mit einem Herz. „Das erinnert mich immer daran, wofür ich das mache.“
Die drei Helfer berichten, dass ihre Familien und Freunde ihr Engagement sehr positiv begleiten. „Ich habe aber auch schon Sprüche gehört wie: ‚In die Unterkunft würde ich am liebsten eine Bombe werfen’“, berichtet Mona. So etwas komme eher von Erwachsenen als von Gleichaltrigen. „Es liegt daran, dass diese Leute nicht wirklich wissen, wovon sie reden – wir werden ja in der Schule aufgeklärt“, meint Mona und wünscht sich, diese „Kritiker“ würden „ihre“ Kinder und deren Eltern kennenlernen. „Dann würden sie sehen, was das für liebe Menschen sind.“

Advertisements

Was ist Eure Meinung dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s