Das wilde Herz des Bermudadreiecks

„Das Lorbass ist für mich immer mein eigener Partykeller gewesen. Nur eben mit mehr Menschen“: Seit 35 Jahren führt Heiner Hartmann die Kult-Kneipe gegenüber dem Gelnhäuser Bahnhof. Ab heute wird drei Tage lang Geburtstag gefeiert.(Foto: Noll)
„Das Lorbass ist für mich immer mein eigener Partykeller gewesen. Nur eben mit mehr Menschen“: Seit 35 Jahren führt Heiner Hartmann die Kult-Kneipe gegenüber dem Gelnhäuser Bahnhof. Ab heute wird drei Tage lang Geburtstag gefeiert. (Foto: Noll)

Gelnhausen (dan). Es ist die Konstante im sich wandelnden Gelnhäuser Bahnhofsumfeld: Das „Lorbass“ feiert Geburtstag. Seit 35Jahren ist es Anlaufpunkt für Musikliebhaber egal welchen Alters. Und so steht auch die Musik im Mittelpunkt, wenn ab heute das nicht ganz runde Jubiläum gefeiert wird. Bis Samstagabend geben neun Bands ihr Stelldichein. Vor dem Geburtstag haben wir mit Lorbass-Betreiber Heiner Hartmann über die Anfangstage, Kneipenkultur und das Gelnhäuser „Bermudadreieck“ gesprochen.

Einen Tag vor Beginn der Feier vermischt sich im Lorbass der typische Kneipengeruch mit dem Duft frischer Farbe. Heiner Hartmanns schwarzer Kapuzenpullover ist mit weißen Farbflecken gesprenkelt. In der Ecke hinter dem Tischkicker streicht eine Mitarbeiterin mit einem Pinsel über die Holzlatten an der Wand. Vor dem Geburtstag ist noch einmal Großreinemachen angesagt. Am urigen, etwas verruchten Charme der Musik-Kneipe soll sich aber natürlich nichts verändern: „Wer nach Jahren das erste Mal wieder ins Lorbass kommt, erkennt es immer noch so wieder, wie es schon immer war“, sagt Heiner Hartmann.
Dass der 59-Jährige heute Kneipier ist, verdankt er einer Schnapsidee. Während seines Zivildiensts in Gießen lernt der ausgebildete Krankenpfleger einen Langzeitpatienten kennen, der mehrere Kneipen betreibt. Darunter auch das schon damals existierende Lorbass in Gelnhausen. „Wir haben uns dann zufällig hier in der Kneipe getroffen und groß Wiedersehen gefeiert. Da dachte ich, so was könntest du eigentlich auch machen“, erinnert sich Hartmann.
Wenig später, wieder als einfacher Gast im Lorbass, wird der Ur-Gelnhäuser ans Telefon gebeten. Am anderen Ende der Leitung ist der damalige Besitzer, der kurz vor einer längeren Reise nach Neuseeland steht. „Du wolltest doch eine Kneipe übernehmen“, sagt er zu Hartmann, der sich innerhalb eines Tages entscheiden sollte.
Für ihn selbst steht der Entschluss sofort fest. Hartmanns damalige Freundin schlägt zwar die Hände über dem Kopf zusammen, das größere Problem sind aber seine Eltern: „Der Gedanke, dass ich den öffentlichenDienst verlasse, um eine Kneipe zu übernehmen, kam nicht unbedingt gut an.“ Gemacht hat er es trotzdem. Und bis zum heutigen Tag nicht bereut.
Ein Lausbub als Namensgeber
Nach kleineren Umbauarbeiten wird das Lorbass am 4.Oktober 1980 wiedereröffnet. Den alten Namen behält Hartmann bei. „Lorbass ist oberschlesisch und bedeutet Lausbub. Das war für mich ein absolut passender Name, bei dem die Menschen gleich ein Bild vor Augen haben“, meint Hartmann heute. Also bleibt es bei Lorbass.
Am Konzept als Musik-Kneipe hat sich seit dieser Zeit bis heute nichts geändert. „Eine reine Disco wollte ich nie sein“, sagt er. Trotzdem prägen von Beginn an Live-Bands die Atmosphäre und den Ruf des Lorbass. Anfang der 80er Jahre blüht auch in Gelnhausen die Neue Deutsche Welle, eher später zunehmend auch der Punk von der Insel in die Barbarossastadt schwappt.
In die Anfangstage fällt auch die Blütezeit der in Gelnhausen stationierten US-Soldaten. Gerade die Kneipen in der Röther Gasse profitieren von den GIs, im Lorbass heißt es dagegen lange Zeit „off limits“. Mit dem Schild verbietet die Army damals ihren Soldaten den Zugang zu bestimmten Kneipen. Den Grund, wieso vor seinem Laden ein solches Verbotsschild hing, hat Hartmann bis heute nicht erfahren. 1984 hängt er es kurzerhand ab. Konsequenzen gibt es keine – dafür besuchen auch die Amerikaner rege das Lorbass, bis sie aus der Barbarossastadt abziehen.
Für Hartmann entpuppt sich die Aufgabe als Kneipier als echter Traumjob: „Kein Tag gleicht dem anderen. Mal muss ein kaputtes Wasserrohr repariert werden, ein anderes Mal ist man Sozialarbeiter für Jugendliche, die ihre Probleme loswerden müssen. Aber natürlich muss auch immer die Kalkulation stimmen.“
Dass das Lorbass unter seiner Regie zu einer 35-jährigen Erfolgsgeschichte wird, hätte er in den Anfangstagen vermutlich selbst nicht gedacht. „Natürlich passieren immer mal kleinere Fehler. Aber das haben die Gäste immer schnell verziehen“, sagt er. Dazu komme, dass er mit seiner Kneipe von Beginn an eine andere Philosophie verfolgt habe, als andere Läden: „Hier ging es nie um die Person, die hinter der Theke oder am DJ-Pult stand. Das Publikum ist der Hauptdarsteller des Abends. Das sieht man auch, wenn hier junge Menschen zu Musik tanzen, die doppelt so alt ist wie sie selbst, auf die teilweise sogar ihre Eltern schon bei uns getanzt haben.“
Wie lange er die Kneipe nun schon führt, hat Hartmann nicht zuletzt bei einem Gespräch mit einer jungen Frau aus Hailer festgestellt. „Sie kam zu mir und hat mir schöne Grüße von ihrem Opa ausgerichtet. Am Anfang dachte ich, dass das ja nicht sein könnte. Dann kam heraus, dass ihr Opa einer unserer ersten Gäste überhaupt war“, erzählt er lachend.
Es gibt einige solcher kuriosen Geschichten, an die sich Hartmann nach 35 Jahren gerne erinnert. Etwa an den Auftritt von „Paddy Goes To Holyhead“ Anfang des neuen Jahrtausends. Mit etwa 300Besuchern ist das Lorbass brechend voll. Weil aber noch mehr Menschen die „Paddies“ sehen wollen, stehen zahlreiche weitere draußen auf Tischen und verfolgen den Auftritt durch die Fenster.
Besonders in Erinnerung geblieben ist dem 59-Jährigen aber ein anderes Konzert. Mitte der 80er ist mit dem inzwischen verstorbenen Nikki Sudden ein echter Geheimtipp der britischen Punk-Szene zu Gast im Lorbass. Damit der Londoner aber überhaupt auf der Bühne stehen kann, muss Hartmann erst einmal die Geldbörse zücken: „Er kam am Flughafen völlig abgebrannt an, hatte keinen Cent Bargeld mehr dabei. Also musste ich ihn am Gelnhäuser Bahnhof erst mal auslösen.“
Bahnhofsviertel: „Man liebt esoder hasst es“
Während andere Kneipen in der Barbarossastadt – gerade in der Röther Gasse – kommen und gehen, hat das Lorbass die Jahrzehnte überdauert. Auch die Einführung des Nichtraucherschutzgesetzes im Jahr 2007 konnte daran nichts ändern, obwohl viele damals etwas anderes vorhergesagt hätten. „Das war natürlich eine Zäsur. Aber weder sind die Raucher weggeblieben, noch kam plötzlich eine ganze Schar Nichtraucher in die Kneipe.“
Zum kontinuierlichen Erfolg hat für Hartmann auch ein Trendwechsel in der jüngeren Generation beigetragen. Statt in die Großraumdisco zu gehen, bevorzugten viele Gäste heute wieder die urige Atmosphäre der Kneipe. Auch das Konzept, konsequent auf Live-Bands zu setzen, habe sich ausgezahlt. Und dann ist da natürlich noch der Standort, direkt am Bahnhof. „Beim Gelnhäuser Bahnhofsviertel gibt es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man liebt es, oder man hasst es. Mit dem Café Merlin, dem Treibhaus und uns spricht man ja nicht von ungefähr vom Gelnhäuser Bermudadreieck. Das trifft es ziemlich gut.“
Und dort wird ab heute erneut mächtig gefeiert werden.Bis Samstag stehen neun Bands auf der Lorbass-Bühne. Los geht es jeweils um 21 Uhr.

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