Im Zeugenschutzprogramm

51GifDW07pL._SX315_BO1,204,203,200_Der sechsjährige Santino lebt mit seinen Eltern und Großeltern auf Sizilien. Als der Vater seine Arbeit verliert, lassen sich Vater und Großvater auf dubiose Geschäfte ein. Ein Handel geht schief, sie ziehen den Zorn der sizilianischen Mafia auf sich, und Santino wird schließlich Zeuge des Mordes an beiden. Wie durch ein Wunder wird der Junge gerettet und sagt nach erstem Zögern gegen die Mörder aus; einer kann umgehend gefasst werden, doch der zweite ist untergetaucht. Santino und seine Mutter müssen nun selbst fliehen: Sie werden in das Zeugenschutzprogramm aufgenommen, bekommen eine neue Identität und werden nach Norditalien umgesiedelt.
Fünf Jahre später: Lucio, wie er sich nun nennt, leidet noch immer unter dem Trauma – seine eigene Schwester Ilaria, die wenige Monate nach der Flucht geboren wurde, kennt nicht einmal seinen richtigen Namen und seine Mutter, die befürchtet, dass die Mafiosi einen Fluch über sie ausgesprochen haben, ist depressiv und verlässt nicht mehr die Wohnung.
Gerade aus diesem Grund ergreift den Jungen auch die Panik, als er eines Tages mit Ilaria vom Spielen nach Hause kommt und die Wohnung leer vorfindet. Für ihn gibt es nur eine mögliche Erklärung: Der Clan muss ihr Versteck aufgespürt und seine Mutter entführt haben. Sofort macht sich Lucio mit seiner Schwester auf den Weg nach Sizilien, um dort mit dem Untersuchungsrichter Francesco Kontakt aufzunehmen, der seinen Fall fünf Jahre zuvor behandelt und das Vertrauen des Jungen gewonnen hat.
Nun, da er in Sizilien ist, stürmen noch einmal die Erinnerungen an den lange zurückliegenden Mord auf Lucio ein – und darunter sind Erinnerungen, die eine Ergreifung des Täters plötzlich wieder möglich erscheinen lassen.
In den ersten beiden Dritteln des Buches wechseln die Kapitel zwischen der Gegenwart Lucios und den Erlebnissen des kleinen Santino ab; der Leser bekommt so einen guten Einblick in die beiden unterschiedlichen Identitäten des Jungen. Die Handlung ist packend erzählt, durch die häufigen Perspektivwechsel wird die Spannung kontinuierlich aufrecht erhalten. Obwohl die Handlung fiktiv ist, sind die Hintergründe der italienischen Mafia anschaulich und glaubhaft dargestellt; die Autorin nimmt in einem kurzen Vorwort hierzu explizit Stellung.
Auch wenn einige Stellen des Buches sehr konstruiert wirken und der Schluss einige interessante Handlungsfäden leider nicht zu Ende führt: Eine in jedem Fall empfehlenswerte Lektüre über ein Thema, dass in der Jugendliteratur noch zu wenig Beachtung gefunden hat.
In der Schusslinie von Silvana Gandolfi ist bei Carlsen erschienen.     (fpf)

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