Die Welt außerhalbvon Serenity

Die Kleinstadt Serenity – mit nur 185 Einwohnern mitten in New Mexico und über achtzig Meilen von der nächsten Ortschaft entfernt gelegen – bietet ihren Bürgern den höchsten Lebensstandard in den gesamten USA: Dank der ortsansässigen Plastikfabrik gibt es keine Armut oder Arbeitslosigkeit, zudem weder Unehrlichkeit noch Kriminalität, keine Obdachlosigkeit, eine hervorragende Schule und unübertrefflichen nachbarschaftlichen Zusammenhalt. Für die dreißig Kinder, die hier leben, scheint es der ideale Ort, um eine idyllische und behütete Kindheit zu verbringen.

Masterminds von Gordon Korman ist bei Beltz & Gelberg erschienen.
Masterminds von Gordon Korman ist bei Beltz & Gelberg erschienen.

Eines von ihnen ist der dreizehnjährige Eli, der hier gemeinsam mit seinem Vater, dem Bürgermeister und Schuldirektor, lebt. Eli hat die Stadtgrenzen von Serenity noch niemals verlassen – schlicht, weil es dazu keinen Anlass für ihn gab. Eines langweiligen Sommertages jedoch beschließen Eli und sein bester Freund Randy, sich auf eigene Faust auf die Suche nach Abenteuern zu machen, und so fahren sie mit ihren Rädern allein aus der Stadt hinaus. Weit jedoch kommen sie nicht: Kaum hat Eli die Stadtgrenze hinter sich gelassen, bricht er mit Schwindel und rasenden Kopfschmerzen zusammen; bemerkenswerterweise ist unmittelbar ein Hubschrauber der örtlichen Sicherheitskräfte zur Stelle und bringt ihn ins Krankenhaus.
Als Eli zwei Tage später wieder entlassen wird, muss er aus heiterem Himmel erfahren, dass Randy nun vollkommen ohne Vorankündigung zu seinen Großeltern auf eine Farm in Colorado geschickt werden soll – angeblich, um ihnen dort zur Hand zu gehen. Eli ist verwirrt und traurig, und auch seine übrigen Freunde, die gleichermaßen von der Neuigkeit überrascht wurden, haben gemischte Gefühle ob dieser Ankündigung: Während den meisten der Gedanke an die Welt außerhalb von Serenity – mit all den Gefahren und Unsicherheiten, von denen sie stets hören – Unwohlsein bereitet, halten einige Randys Umzug auch für ein beneidenswertes Abenteuer. Doch Randy lässt seinem besten Freund einen merkwürdigen Brief zurück, in dem er schreibt, er sei in Wirklichkeit auf ein Internat geschickt worden, und dass diese Entscheidung in Zusammenhang mit den Vorfällen bei seinem und Elis Radausflug stehe. Eli und auch einige andere Kinder aus Serenity seien etwas Besonderes, und in dem scheinbar zu mustergütigen Örtchen gehen einige verdächtige und unrühmliche Dinge vor sich.
So beginnen Eli und einige Mitschüler nachzuforschen, und sie machen erschreckende Entdeckungen: Auch andere Kinder erleiden Schwächeanfälle bei dem Versuch, Serentity zu verlassen; das im Ort zugängliche Internet ist offensichtlich manipuliert – und vor allem: in der örtlichen Plastikfabrik werden keinesfalls wie behauptet Verkehrspylonen hergestellt …
Eli und seinen Freunden klar wird, dass sie Teil eines gigantischen, jedoch illegalen und moralisch sehr fragwürdigen wissenschaftlichen Experiments sind: Tatsächlich handelt es sich bei ihnen um Klone der genialsten derzeit inhaftierten Kriminellen der USA, und eine Studie an ihnen soll klären, ob das Böse im Menschen genetisch oder durch Umwelteinflüsse bedingt wird. Und sie realisieren auch, dass dieses Wissen sie in Gefahr bringt, weil sie somit für das Experiment unbrauchbar werden. Es bleibt ihnen nur die Flucht – in eine Welt, von der sie nahezu nichts wissen. Und unter ihnen befindet sich womöglich ein Verräter …
Die temporeiche Erzählung zieht den Leser vom ersten Kapitel an in ihren Bann, und nicht zuletzt durch den beständigen Perspektiv- und damit häufig verbundenen Szenenwechsel gelingt es dem Autor, die Spannung durchweg auf hohem Niveau zu halten. Die Handlung überzeugt sowohl durch Originalität, Kreativität als auch Komplexität – die Welt, die Korman entwirft, ist vielschichtig und umfassend ausgearbeitet und wird für den Leser auch über die Grenzen des unmittelbaren Geschehens hinaus plastisch und lebhaft vorstellbar. Trotz des rasanten, handlungsreichen und dicht erzählten Geschehens zeigt der Text auch psychologische Tiefe, und die der Geschichte zugrunde liegende Thematik regt den Leser zum Nachdenken an. Unerwartete, aber stets plausible Wendungen, die oftmals eine völlig neue Einordnung der Situation erfordern, verstärken zusätzlich den Anreiz, das Schicksal der Protagonisten weiter zu verfolgen.
Die Erzählstimmen der kindlichen Helden wirken authentisch und bieten dem Leser durch die Unterschiedlichkeit der Charaktere eine große Bandbreite an möglichen Standpunkten zur erzählten Geschichte. Auch der Humor kommt in der Erzählung nicht zu kurz, und Langeweile oder Langatmigkeit kommt an keiner Stelle des Textes auf. Der Text bildet den Auftakt zu einer Trilogie, weshalb viele Handlungsstränge zum Ende der Erzählung hin unabgeschlossen bleiben; allerdings fiebert der Leser auch über den Schluss des vorliegenden Bandes hinaus mit den Figuren mit, und der gegebene Ausblick auf den Fortgang des Geschehens scheint vielversprechend.
Ein furioser Auftakt zu einer spannenden und thematisch ebenso aktuellen wie originellen Trilogie, die durch eine temporeiche und spannende Handlung, authentische, interessante und sympathische Charaktere sowie einen reizvollen Erzählstil auf ganzer Linie überzeugt – somit eine unbedingte Leseempfehlung!      (fpf)

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