Der Mörder weinte

In der Einsamkeit der kargen, unbarmherzigen Landschaft an der Südspitze Chiles lebt der kleine Paolo mit seinen Eltern in einer Hütte, fernab von anderen Menschen. Nur hin und wieder kommen Wanderer und Reisende vorbei, ansonsten hat die Familie kaum Kontakt zur Außenwelt. Eines Tages klopft Angel Alegría, ein verurteilter Mörder auf der Flucht, an die Tür – und ohne zu Zögern, tötet er Paolos Eltern, um in der Hütte Unterschlupf finden zu können.Der Mörder weinte
Trotz all seiner schlimmen Taten bringt es Angel jedoch nicht über sich, sein Messer gegen Paolo zu erheben. Er verschont den Jungen, und obwohl er dessen Gegenwart zunächst nur widerwillig toleriert, berührt Paolo bald sein Herz und Angel beginnt, sich um das Kind zu kümmern. Es vergehen beinahe zwei Jahre, bis wieder ein Reisender ihre Zweisamkeit stört: Luis, der ziellose Weltreisende, bittet um Einlass. Angel würde ihn am liebsten töten, doch Paolo zuliebe lässt er Luis bleiben, und bald bilden die drei eine recht ungewöhnliche kleine Familie – jeder der Männer übernimmt auf seine Weise eine Art Vaterrolle für Paolo, und bisweilen konkurrieren sie um seine Zuneigung. Während Angel Paolo handwerkliche Fertigkeiten beibringt, führt Luis ihn in die Welt der Bücher und Gedichte ein. Als Paolo etwa elf Jahre alt ist, schlägt das Schicksal zu: Nachdem ihre Ziegen gestorben sind, ist es für die drei Einsiedler unmöglich geworden, sich selbst zu versorgen, und sie müssen zu einem Viehmarkt in die nächste Stadt aufbrechen. Nicht nur für Paolo, der noch nie die Zivilisation erlebt hat, wird die Reise zu einem großen Abenteuer – vielmehr gerät sie für alle Beteiligten zu einem lehrreichen, oft schmerzhaften Weg zu sich selbst, denn Angel ebenso wie Luis werden von ihrer Vergangenheit eingeholt und müssen sich dem stellen, was sie zuvor waren und was in der Einsamkeit aus ihnen geworden ist…
Bereits in ihrem mehrfach ausgezeichneten Roman „Die Zeit der Wunder“ fesselt Anne-Laure Bondoux nicht nur durch eine starke Geschichte, sondern besonders durch die psychologische Tiefgängigkeit ihrer Erzählung. Auch „Der Mörder weinte“ ist ein eher leises, aber sehr beeindruckendes und bewegendes Buch, das den Leser zum Nachdenken anregt. Die drei Hauptfiguren haben niemals gelernt, über ihre Gefühle zu sprechen, und doch steht vor allem das Wechselbad der Emotionen, das sie in ihrer Beziehung zu sich selbst und zueinander erleben, im Mittelpunkt der Geschichte.
Die Sprache des Buches ist durchweg sehr poetisch, und das Schicksal der Protagonisten geht unter die Haut: Der kleine Junge, der Liebe ausgerechnet vom Mörder seiner Eltern erfährt; der Mörder, den ein kleiner Junge wieder lehrt, wofür es sich zu leben lohnt, der gebildete Gutmensch, der letztlich entgegen aller Erwartungen zum Verräter wird und doch späte Reue zeigt und Versöhnung findet. Der Leser weiß nie, wie sich die Geschichte weiter entwickeln wird, und doch ergibt sich am Ende ein stimmiges Ganzes und ein zutiefst berührendes Porträt der menschlichen Seele. Unbedingt lesenswert!     (fpf)

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