Auf der richtigen Seite

Um Mauern, Grenzen und vor allem um die Vorurteile, die Menschen auf beiden Seiten gegenüber einander haben, geht es wieder bedauerlich oft in den gegenwärtigen Nachrichten. William Sutcliffes politische Fabel „Auf der richtigen Seite“ ist daher leider mehr als zeitgemäß, und obwohl sie in der fiktiven Stadt Amarias spielt, macht der Autor keinen Hehl daraus, dass diese ein reales Vorbild hat – den Gazastreifen in Israel.
Der dreizehnjährige Joshua lebt mit seiner Mutter und deren zweitem Ehemann Liev in Amarias, einer sicheren, ordentlichen Siedlung in der Besatzungszone, die jedoch an eine Mauer grenzt, hinter der sich Feindesland befindet; es gibt Grenzposten, Militäroffensiven, niemand wagt sich freiwillig auf die andere Seite. Joshuas Vater ist vor Jahren bei einem Militäreinsatz ums Leben gekommen; seine Mutter und insbesondere Liev warnen ihn immer wieder vor der Gefahr durch die Feinde jenseits der Mauer.
Eines Tages fliegt Joshuas Fußball versehentlich auf ein eingezäuntes Baustellengelände direkt an der Mauer. Als Joshua auf das Grundstück klettert, entdeckt er zufällig einen Tunnel, der offenbar unter der Mauer hindurch auf die andere Seite führt. Entgegen jeder Vernunft folgt er dem Gang und kommt tatsächlich im feindlichen Teil der Stadt heraus.
Als er aus der schmalen Gasse tritt, in der der Tunnel endet, findet er sich mitten im bunten Markttreiben. Durch seine andersartige Kleidung fällt er jedoch auf, und bald erspäht ihn eine Jungenbande und hetzt ihn durch die Straßen. Ein unbekanntes Mädchen, das sich als Leila vorstellt, versteckt ihn in letzter Minute in ihrem Hauseingang; später bringt sie ihn – getarnt mit einem Gebetsschal ihres Vaters – zurück zum Tunnel.
9783644525016Joshua gelangt sicher zurück nach Hause, spürt jedoch, dass er mit niemandem über die Ereignisse reden kann. Er hat zunehmend das Gefühl, dass die heile Welt auf seiner Seite der Mauer und das Feindbild, das ihm von den Menschen auf der anderen Seite vermittelt wird, nicht richtig sein können. Zudem plagen ihn Gewissensbisse, da er versehentlich den Gebetsschal mit durch den Tunnel genommen hat.
Getrieben von dem Wunsch, den Schal zurückzubringen und sich mit einigen Lebensmitteln bei dem offensichtlich armen Mädchen für seine Hilfe zu revanchieren, unternimmt Joshua einige Wochen später einen neuerlichen Ausflug durch den Tunnel. Es gelingt ihm, die Sachen zu überbringen; obwohl Leilas Familie zunächst misstrauisch ist, gewinnt er schließlich ihr Vertrauen. Es ist der Beginn einer Freundschaft, die es eigentlich nicht geben dürfte, und mit jedem weiteren Gang durch den Tunnel, den Joshua unternimmt, wird es für ihn gefährlicher – besonders, als sein Stiefvater Verdacht schöpft. Doch Leila und deren Familie, die für ihn immer wichtiger werden, will Joshua nicht mehr aufgeben; zudem hat er das Gefühl, gebraucht zu werden, denn Leilas Vater etwa benötigt dringend Medikamente, die nur auf Joshuas Seite der Mauer zu bekommen sind.
Joshua weiß, welche unerbittlich schwere Strafen auf den Schmuggeln von Medizin stehen, doch dass ein Soldat auch auf einen Jungen schießen würde, hat er nicht erwartet – bis er eines Tages querschnittsgelähmt im Krankenhaus erwacht. Doch noch in der Klinik beschließt er, dass sein Schicksal vielleicht einen Unterschied machen kann: Er will sich nicht vom Hass vereinnahmen lassen, sondern für eine gemeinsame Zukunft ohne Mauer für seine und Leilas Generation kämpfen…
Eine sehr eindringliche Ich-Erzählung, die authentisch und bewegend insbesondere auch Joshuas Gewissenskonflikte vermittelt und den Leser mitten in seine Welt hineinzieht. Inhaltlich dicht erzählt und durch die Unvorhersehbarkeit der Handlung spannend von der ersten bis zur letzten Seite vermittelt insbesondere auch der lebendige, bildreiche Sprachstil anschaulich die Brisanz des behandelten Konflikts, dessen reale Vorlage der Leser beständig vor Augen hat. Eine wichtige neue Perspektive, verpackt in eine fesselnde Lektüre – nicht nur für politisch interessierte junge Leute eine absolute Leseempfehlung.     (fpf)

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