Gefahren werden unterschätzt

Main-Kinzig-Kreis. Sicherheit im Internet ist ein Thema, über das oft berichtet wird – aber offenbar nicht oft genug, betrachtet man die steigende Zahl der Straftaten, die im virtuellen Raum begangen wird. GNZ-Redakteuerin Tanja Bruske-Guth sprach mit Markus Wortmann – Fachberater Cybercrime des Polizeipräsidiums Südosthessen, der für den Bereich der Internetprävention verantwortlich ist. Wortmann ist zudem Kriminologe und Polizeiwissenschaftler, Business-Coach und zertifizierter Fachberater für Opferhilfe sowie ehrenamtlich als Geschäftsführer des Vereins Sicheres Netz hilft e.V. tätig. Das Thema betrifft Jung und Alt. Der Kriminalhauptkommissar  stellt sich außerdem am kommenden Donnerstag den Fragen der GNZ-Leser am Expertentelefon und auf der GNZ-Facebookseite.

GNZ: „Sicherheit im Internet“ ist ein Dauerthema. Oft wird darüber berichtet, auch an Schulen gibt es regelmäßige Info-Veranstaltungen. Warum ist es wichtig, trotzdem immer wieder darüber zu sprechen?B_000002

Markus Wortmann: Das Thema „Sicherheit im Internet“ stellt eine gesamtgesellschaftliche Herausforderung dar. Die Polizei leistet ihren Beitrag, indem unter anderem für Erziehungsverantwortliche Fachveranstaltungen, Informationsveranstaltungen und Workshops in einem sich selbst verstärkendem Netzwerk angeboten wird. Unsere Beratungsthemen sind zumBeispiel Schadsoftware (Viren, Trojaner et cetera), Gefahren in sozialen Netzwerken, Identitätsdiebstahl, Ausspähen von Daten, Betrugsphänomene, Urheberrechtsverletzungen, Gefahrenpotenzial rund um mobile Endgeräte, Sicherheit beim Onlinebanking sowie die PC-Sicherheit. Ziel ist es, geeignete Menschen als Multiplikatoren zu gewinnen, die in ihrer Funktion vorbildlich und motiviert über den Nutzen und die Gefahren rund um die digitalen Medien und das Internet aufklären, sensibilisieren und zudem als Ansprechpartner für ihre Anvertrauten fungieren. Weiterführende Vertiefungsveranstaltungen dienen der Wissensvermittlung in Bezug auf aktuelle Kriminalitätsphänomene und Erscheinungsformen und der damit verbundenen Präventionsmaßnahmen. Es gilt insbesondere das Gefahrenbewusstsein zu stärken, Kompetenzen zu steigern, die Aufmerksamkeit zu erhöhen, die Motivation der Menschen zu fördern, engagieren, Netzwerke zu bilden und Nachhaltigkeit zu gewährleisten.

Viele junge Leute fühlen sich bereits genervt und glauben, ausreichend sicher im Umgang mit Facebook, Twitter & Co. Zu sein – vor allem, da sie oft fitter im Umgang mit dem Internet sind, als die ältere Generation. Entspricht diese Selbsteinschätzung Ihrer Erfahrung?

Glauben heißt nicht Wissen. Jungen Menschen sind mit den digitalen Medien aufgewachsen und nutzen diese auch im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Den Nutzen vorangestellt, beinhaltet das Internet aber auch gewisse Gefahren, die Beachtung finden sollten. Die Gefahren werden aber leider immer noch unterschätzt. Leider wird es den Betroffenen erst bewusst, wenn sie einen Imageschaden und/oder einen finanziellen Schaden erleiden. Auch ältere Menschen nutzen die Neuen Medien und deren Möglichkeiten und können durch Unachtsamkeit oder fehlenden Kenntnissen im Umgang mit diesen schnell unbewusst zum Opfer einer Straftat werden. Das Internet ist ein Kommunikationsmedium, das heißt, wir sollten auch generationsübergreifend voneinander und miteinander lernen.

Was sind häufige Fehler, die gerade jungen Internetnutzern passieren? Und welche Fehler machen sie im Gegensatz zu älteren nicht?

Für junge Menschen ist die digitale Medienlandschaft zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Die Nutzung sozialer Netzwerke und anderer Dienste Anbieter fördert die „freiwillige“ Preisgabe persönlicher Daten. Viele sind sich indes nicht bewusst, dass ihre Daten gegebenenfalls durch Cybercriminelle missbraucht werden können oder auch ihren beruflichen Lebensweg durchaus bestimmen können. Auch die  Verbreitung persönlicher Daten im Netz, das Thema Rechte am eigenen Bild et cetera, sollten durchaus hinterfragt werden. Während die junge Generation mit der digitalen Welt aufgewachsen sind, gibt es bei älteren Menschen nach wie vor Berührungsängste. Jedoch ist bereits jeder Zweite von 60 bis 69 Jahren online, Tendenz steigend. Ältere Menschen erkennen zunehmend die Vorteile des Internets, haben jedoch viele Fragen: Wo lauern Gefahren in der digitalen Welt und wie kann ich mich schützen? Wie bucht man zum Beispiel Reisen über das Internet?

Ein aktuelles Problem ist das vermehrte Auftreten von „Ransomeware“, auch Erpressungstrojaner genannt. Wie funktioniert das und wo liegen da die Gefahren?

1.1Hier gibt es mehrere Varianten. Der Internetnutzer surft im Internet und gelangt auf eine Internetseite, die durch eine Schadsoftware infiziert ist. Der implementierte Schadcode wird ausgeführt, was zu einem Download und der Installation der Schadsoftware auf dem Computer oder des mobilen Endgerätes führt.
Eine zweite Alternative ist der Empfang einer E-Mail mit Schadsoftware. Hier wird zum Beispiel eine Rechnung an den Empfänger versandt. Der Nutzer wird durch den hohen Betrag oder die angebliche Bestellung neugierig und nervös, so dass er den Aufforderungen aus der Mail folgt und die angebliche Rechnung, eine Datei im Anhang, öffnet. Tatsächlich ist hier aber die Schadsoftware enthalten, die durch das Öffnen der Datei ausgeführt wird. Der Rechner oder das mobile Endgeräte ist infiziert.
Ebenfalls denkbar sind verseuchte Downloads, zumBeispiel in Peer-to-Peer-Netzwerken, Links in Chatrooms oder Sozialen Netzwerken, in Downloadportalen für illegale Software, Musik und Filme und so weiter. Auch dann kann das Ausführen einer vermeintlich harmlosen Datei (wie etwa ein Musikstück) dazu führen, dass Schadsoftware auf dem Computer installiert wird. Oft bemerkt der Nutzer dieses erst beim Neustart des Rechners. Statt der Windows-Anmeldemaske erscheint der Sperrbildschirm und es ist keine Funktionalität gegeben. Dieser Sperrbildschirm weist in der Regel immer die gleichen Inhalte auf wie Behörde, Institution, Firma (zum Beispiel Polizei, Bundespolizei, BKA, GVU, GEMA, IPA, Microsoft, BSI und so weiter), Zahlungsaufforderung über 50 oder 100 Euro mittels Ukash oder Paysafecard oder Zahlung mittels Bitcoins. Der Nutzer hat angeblich illegale Tätigkeiten im Internet vollzogen, die Zahlung soll über eine Eingabemaske am Monitor oder alternative Mailadresse erfolgen. Gegebenenfalls wird mit einer Verschlüsselung des Computers gedroht oder der Computer wird tatsächlich verschlüsselt. Die angegebenen Organisationen und Institutionen haben jedoch nichts mit diesen Forderungen zu tun.

Wie kann man sich gegen so etwas wehren?

Auf jeden Fall der Aufforderung zum Bezahlen nicht nachkommen und Anzeige bei der Polizei erstatten, da Straftaten vorliegen. Erst denken dann klicken! Regelmäßig eine Datensicherung vornehmen.

Nicht nur am PC, auch bei Smartphones und anderen mobilen Endgeräten lauern Gefahren – welche genau, und wie lauten Ihre grundsätzlichen Ratschläge?

Es ist wichtig, dass jeder User sein Nutzerverhalten im Internet überdenkt, aber auch auf entsprechende Sicherheitseinstellungen seiner genutzten Gerätschaften achtet und entsprechende Sicherheitssoftware verwendet. Darüber hinaus sollte eine regelmäßige Überprüfung auf Sicherheits-Updates erfolgen.

Ein Schlagwort, das in jüngster Zeit häufig genannt wird, ist die „Drittanbietersperre“. Wer sollte man diese einrichten und warum?

Seit dem 10. Mai 2012 trat das neue Telekommunikationsgesetz zur Stärkung der Verbraucherrechte in Kraft. Unter anderem haben alle Kunden Anspruch auf eine Sperrung von kostenpflichtigen Sonderrufnummern. Hierüber hat der jeweilige Anbieter seine Kunden im Vertrag zu informieren. Dies gilt nicht nur für Handynutzer. Zudem können Kunden von ihrem Anbieter verlangen, dass dieser keine Kosten mehr für Drittanbieter in Rechnung stellt. Kunden sollten bei ihrem Anbieter vor Ort überprüfen, ob die Sperrung kostenpflichtiger Rufnummer und die Drittanbietersperre aktiviert wurde.

Gibt es goldene Regeln was den Umgang mit dem Internet angeht – gerade für junge Leute?

Der Begriff „Regeln“ trifft es auf den Punkt. Die Erziehungsverantwortlichen sollte sich Medienkompetenz und Internetsicherheit aneignen und diese mit ihren Kindern gemeinsam leben. Hier ist es besonders wichtig, dass Kinder von den Eltern lernen und umgekehrt, denn Verbote sind eher kontraproduktiv und führen zum heimlichen Tun.
Weiterführende Links: www.polizei.hessen.de, www.polizei-beratung.de, www.botfrei.de, www.fsm.de, www.verbraucher.de, www.weisser-ring.de

Am kommenden Donnerstag, 9. Juni, stellt sich Kriminalhauptkommissar Markus Wortmann am GNZ-Expertentelefon den Fragen der Leser: Von 14 bis 16 Uhr ist er unter Telefon 06051/833-226 erreichbar und gibt Auskunft zur Sicherheit im Internet. Außerdem beantwortet er in diesem Zeitraum Fragen in einem Thread auf der GNZ-Facebookseite (www.facebook.com/gnzonline). 

 

Advertisements

Was ist Eure Meinung dazu?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s