„Halbe Helden“

Auf den ersten Blick könnte man den sechzehnjährigen Dane Washington, der mit seiner sehr jungen Mutter in ärmlichen Verhältnissen in Columbia im US-Bundesstaat Missouri lebt, für einen gewöhnlichen, niederträchtigen Schlägertypen halten: Dane löst Konflikte meist mit der Faust und steht somit kurz vor dem Schulverweis von der örtlichen Highschool. Allerdings hat Dane durchaus Prinzipien – er schlägt niemals ohne Provokation, keine Mädchen und auch niemanden, der schwächer als er selbst ist. Und er hat tatsächlich sogar ausgezeichnete Noten in der Schule, denn er ist fest entschlossen, auf ein gutes College zu gehen, seine Mutter stolz zu machen und sich ein besseres Leben aufzubauen. Von seinem derzeitigen Dasein jedoch ist er frustriert: Ihn belastet die finanzielle Situation seiner Familie, für die er ebenso schikaniert wird wie für die Tatsache, dass er seinen eigenen Vater, der Danes Mutter als schwangere Fünfzehnjährige sitzen gelassen hat, nicht kennt.
Danes Leben nimmt eine unerwartete Wendung, als im Haus gegenüber Billy D. einzieht. Der ein Jahr jüngere Junge hat das Down-Syndrom, allerdings ist die Ausprägung bei Billy D. relativ milde: Er ist sich seines genetischen Defekts bewusst und  zu annähernd normaler Konversationen fähig. Er besucht sogar dieselbe Highschool wie Dane, wenngleich er dort ein spezielles Förderprogramm absolviert. Weil andere Jungen ihn jedoch hänseln und bedrohen, sucht er bereits in seinen ersten Tagen auf dem Schulweg Kontakt zu Dane, von dem er glaubt, er könne ihn beschützen.
Dane ist die Aufdringlichkeit des behinderten Jungen zunächst unangenehm, doch er kann sich ihm kaum erwehren und findet sich notgedrungen damit ab, dass Billy D. ihm bald täglich an den Fersen klebt. Wider Willen beeindruckt er Dane sogar, denn mitunter scheint Billy D. eine sehr klare Sicht auf die Dinge zu haben, und in der Tatsache, dass auch Billy D. allein mit seiner Mutter lebt, finden die beiden sogar eine Gemeinsamkeit.1600x1200_resize_up_Halbe_Helden
Als Dane sich in der Schule wieder einmal provozieren lässt und zuschlägt, wird die Situation für ihn ernst, denn bei einem einzigen weiteren Vergehen ist der Schulverweis unumgänglich. Jedoch ist dem Schulpsychologen Mr. Bell nicht verborgen geblieben, dass Dane sich um Billy D. zu kümmern scheint. Dieser bestätigt auf Nachfrage, dass Dane ihn beschütze. So schlägt Bell Dane einen Handel vor: Er soll sich offiziell als Mentor für Billy D. verpflichten, wofür ihm – sofern die Abmachung funktioniert – im Gegenzug das Nachsitzen erlassen wird und einige Vergehen aus seiner Schulakte gestrichen werden.
Zu Danes positiver Überraschung kommt besonders bei seinen Mitschülerinnen die Tatsache, dass er Billy D. unter seine Fittiche nimmt, gut an. Billy D. ist sich jedoch der Macht, die er nun über Dane hat, durchaus bewusst, und er erweist sich als geradezu manipulativ: Bald schon eröffnet er Dane, dieser müsse ihm helfen, seinen Vater wiederzufinden – während Billy D. im Gegenzug auch Dane auf der Suche nach dessen Vater behilflich sein könne.
Dane ist von dieser Idee zunächst wenig angetan, doch Billy D. – einerseits nett, freundlich und ein wenig langsam im Kopf, dann wieder knallhart kalkulierend und keineswegs mit mangelndem Selbstbewusstsein – macht ihm schnell klar, dass er in der Zweckbeziehung der beiden am längeren Hebel sitzt und jederzeit für Danes Schulverweis sorgen kann.
Für Dane ist Billy D. schwer einzuschätzen, doch er sorgt sich auch aufrichtig um ihn, sodass er schließlich einwilligt. Keiner der beiden ahnt, auf welch abenteuerliche Reise sie sich somit gemeinsam begeben …
Herrlich erfrischend, unbefangen und mit viel Wärme stellt das Buch den ja noch immer bedauernswert oft verklemmten Umgang mit Themen die geistiger Behinderung auf den Kopf und auf den Prüfstand. So sieht sich auch der Leser immer wieder dazu angehalten, seine eigene Definition von „normal“ zu überdenken und muss gelegentlich womöglich sogar unterbewusste Vorurteile über Bord werfen. Vor allem aber ist der Roman eine temporeich erzählte, originelle und bis zuletzt spannende Freundschaftsgeschichte mit starken Protagonisten, authentischen Dialogen, und jeder Menge Charme. Die Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis und die Auszeichnung mit dem Leipziger Lesekompass hat der Text sich in jedem Fall mehr als verdient.    (fpf)

 

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