Biken wie auf der Achterbahn

trails
Schon nach wenigen Metern kommt der Flow. Der Trail, der wie ein offenes Buch vor meinem Vorderrad liegt, trägt seinen Namen: Flowtrail. Steile Rampen, enge Kurven, krasse Steps. Das Mountainbike unter mir treibt mich aber keinen klassischen Downhill runter. Die Bewegungen meines Körpers, der Mechanik des Bikes und der Pfad verschmelzen, bilden eine Einheit. Jeder Kehre, jeder Sprung, jede Seitenverlagerung greifen ineinander. Atmen, lenken, treten, springen – das alles geschieht in einem Fluss. In diesem Flow gibt es nur noch das Hier und Jetzt. Was nun klingt, als wäre ich in den Alpen oder gar in Moab in den USA, der irrt. Dieses einmalige leichte, intensive Gefühl gibt es direkt vor der Haustür. Unter anderem in Bad Orb.
Dort sind seit gut einem Jahr Klaus Bergfeld und zahlreiche ehrenamtliche Helfer dabei, die Tracks zu entwickeln. Professionelle Hilfe bekommen sie dabei vom Landschaftsgestalter und Bike-Lehrer Alexander Gaul. Mit Kennerblicken ziehen sie die Lines durch den Spessart. Zwar geben die Hänge des Spessarts die Spur hauptsächlich vor, aber auch einige North-Shore-Elemente und gebaute Drops kommen zum Einsatz. Das Flowtrail-Curven soll dabei krasse Action mit bewusstem Naturerlebnis verbinden. Denn darum soll es gehen: Hintern hoch, runter von der Couch und rein in den Wald. Dass dabei durchaus auch Matsch spritzt, gehört dazu. Denn sauber bleibt man an der Playstation, aber definitiv nicht auf dem Enduro-Bike.
Dabei ist das Flowtrail-Reiten nicht nur für exzellente Biker mit verdammt teuren Bikes interessant. Zum einen gibt es fast an jeder kniffligen Stelle „Chicken Trails“, also Umfahrungen für jeden, der sich doch nicht traut, die North-Shore zu fahren oder über den Wassergraben zu springen. Und auch diese Weichei-Pfade sind so in die Touren eingebaut, dass nach der zweiten oder dritten Runde dieses einmalige, flowige Feeling aufkommt, dass es sonst vielleicht nur auf deiner Lieblingsachterbahn gibt: Der Magen hebt und senkt sich, der Fahrtwind peitscht ins Gesicht, die Landschaft fliegt links und rechts vorbei. Der Adrenalinkick gehört natürlich auch dazu. Denn ungefährlich ist das Ganze nicht. Der Kick und der Flow aber sind das alles wert.
Das spüren auch die Jugendlichen der Jugendhilfeeinrichtung Don Bosco Sannerz. Denn sie bauen einen der drei Trails bei Bad Orb. Inzwischen sind aus ihnen schon richtige Flowtrail-Enthusiasten geworden. Die Jumps und Steilkurven treiben ihnen keine Schweißperlen mehr auf die Stirn – dafür aber ein fettes Grinsen ins Gesicht. Denn die Schwerkraft, die Energie und – klar – den Flow am ganzen Körper zu spüren ist was ganz anderes, als nur die Daumen am Gamepad zu bewegen.
Dass auf der Abfahrt aber alles so sicher wie möglich zugeht – das Grinsen soll nicht durch Schrammen ersetzt werden – unterliegt der Streckenplan festen Regeln. Dass diese auch in Bad Orb gelten, dafür soll die DIMB, die Deutsche Initiative Mountainbike, sorgen. Sie haben schon viele Flowtrails zertifiziert und ihnen damit sozusagen das Gütesiegel aufgedrückt.
Wer sich unsicher ist, was er schaffen kann, dem helfen farbige Kennzeichnungen. Genau wie beim Skifahren sind blaue Pisten die leichtesten. Dann folgen rot und schwarz. Tiefdunkle Flowtrails wird es in Bad Orb vorerst nicht geben. Die sind ohnehin nur für echte Endurobiker mit entsprechenden Protektoren geeignet. Aber auch auf den roten und selbst auf den blauen Trails kommt eine Menge Spaß auf.
Im Moment – der Blick durchs Fenster zeigt es – ist nicht gerade Flowtrail-Wetter. Das Biken auf den butterweichen Pfaden ist aber enorm anstrengend. Daher sind die echten Flowrider im Moment auf den Waldwegen unterwegs – ob auf dem Bike oder zu Fuß. Denn jetzt gilt es, die Grundlagen für die neue Saison zu legen. Ausdauer, Ballance und Schwindelfreiheit sind wichtig. Dass die Show, deren Protagonist jeder Biker für sich ist, das fette Grinsen zaubern kann, das zu jeder Flowtrailtour dazu gehört.     (küm)

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