Ein Funken Hoffnung

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Bereits in seinem mehrfach ausgezeichneten Roman „Der Junge im gestreiften Pyjama“ schreibt John Boyne über den Krieg – das Schicksal zweier Jungen während Nazidiktatur und Holocaust ist trotz aller Grausamkeit poetisch erzählt und berührt den Leser unmittelbar. Ebendies gelingt ihm auch in „So fern wie nah“, dessen Geschichte zur Zeit des Ersten Weltkriegs angelegt ist. Alfie Summerfield ist fünf Jahre alt, als der Krieg ausbricht. An seinem Geburtstag gibt ihm Vater Georgie das Versprechen, bei der Familie zu bleiben – ein Schwur, den er am nächsten Tag bricht.
Da die Kämpfe nicht, wie von vielen erwartet und erhofft, bereits an Weihnachten beendet sind, beginnt für Alfie und seine Mutter eine schwere Zeit: So klein er auch ist, so sehr fühlt Alfie sich doch dafür verantwortlich, den Vater zu vertreten, und so beginnt er bald sogar, zu arbeiten, um seine Mutter auch finanziell zu unterstützen. Erst vier Jahre erfährt er, dass Georgie Summerfield nach England zurückgekehrt sein soll und in einer Klinik für traumatisierte Soldaten behandelt wird. Für Alfie steht fest, dass er seinen Vater nach Hause holen muss. Doch als er Georgie erstmals wieder gegenüber steht, voller Liebe und Glück, muss er erleben, dass sein eigener Vater ihn scheinbar nicht mehr wiedererkennt. Alfies Geschichte – und auch die seines Vater – ist einfühlsam erzählt und zieht den Leser in ihren Bann. Durch lebhafte und glaubwürdige Schilderungen zeichnet John Boyne ein gut vorstellbares Bild des Krieges und seiner Auswirkungen selbst für jene, die nicht unmittelbar daran beteiligt waren.
Obwohl der Krieg die Handlung dominiert, ist „So fern wie nah“ keine deprimierende Lektüre, sondern zeigt, ohne zu beschönigen, dass sich Hoffnung und Zusammenhalt auch in den scheinbar ausweglosesten Situationen finden lassen. Ein sehr poetischer Roman, der gleichzeitig als Zeitzeugnis gelesen werden kann, das zum Nachdenken anregt.             (fpf)

Buchtipp „Finsterer Sommer“

Schon nach ein paar Tagen hat der dreizehnjährige Konrad vom Sommerurlaub an der französischen Atlantikküste ordentlich die Nase voll: Das Wetter ist schlecht, die Ferienanlage absolut öde, und zu allem Überfluss ist auch noch seine gleichaltrige  Cousine Lisbeth mitgefahren, die ständig alles besser weiß und ihm ununterbrochen auf die Nerven geht. Wehren darf Konrad sich  übrigens nicht, denn alle müssen auf Lisbeth Rücksicht nehmen, weil erst kürzlich ihre Mutter verstorben ist. Natürlich tut das auch Konrad leid – er ist ja nicht herzlos!
Spannende und tiefgründige Geschichte
Aber dass sie ihm deshalb den   Urlaub vermiesen muss, stinkt ihm gewaltig. Und überhaupt: Warum wollte seine Mutter unbedingt hierher fahren, wo es hier doch  absolut nichts Spannendes zu     sehen gibt? Nun gut: Der Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, der ganz in der Nähe am Strand steht und schon halb vom Meer überspült wird – der ist irgendwie schon mysteriös. Zumal sich plötzlich unglaublich viele Leute dafür zu interessieren scheinen: eine Joggerin, die immer genau dort anhält. Ein russisch-amerikanisches Ehepaar, das sich dem Bau verbotenerweise mit Taucherausrüstung vom Meer aus nähert. Und ein Deutscher, der vorgibt, Schriftsteller zu sein, den Konrad aber insgeheim für einen Agenten hält. Und was hat es mit dem einbeinigen Alten auf sich, der angeblich als Zwangsarbeiter an dem Bunker mitgebaut hat? Das zumindest behauptet Lisbeth, und ehe Konrad sich versieht, ist der Streit mit ihr vergessen und die beiden stürzen sich in heimliche Ermittlungen.

Plötzlich ist nämlich auch noch von einer toten Frau und einem Goldschatz die Rede, und alles könnte sogar irgendwie mit einem dunklen Familiengeheimnis zusammenhängen, das erklären würde, weshalb Konrads Mutter und seine verstorbene Tante jahrelang zerstritten waren. Klingt wirr und frustrierend undurchsichtig? Das ist es auch! Nicht nur für   Konrad, sondern zeitweise auch für den Leser, der stets gekonnt auf Augenhöhe mit den Protagonisten gehalten wird.
Tatsächlich schafft es die Autorin aber, ihr Publikum ebenso geschickt an das Geschehen zu      fesseln wie die jugendlichen Hauptfiguren, und da all der Wirrwarr letztlich auf grandios stimmige und sehr raffinierte Weise überzeugend aufgelöst wird, taucht der Leser am Ende vollkommen versöhnt aus einer meisterlich erzählten, spannenden wie tiefgängigen Geschichte auf, die als Sommerschmöker absolut zu empfehlen ist!    (fpf)

9783407820983

Kirschen im Schnee

An ihre Mutter kann sich die zwölfjährige GiGi – mit vollem Namen Galileo Galilei – kaum noch erinnern; nach deren Tod hat ihre große Schwester DiDi, die als Friseurin arbeitet, sie aufgezogen, und alles, was den Mädchen von der Mutter geblieben ist, ist ein altes Rezeptbuch, das die beiden hüten wie einen Schatz. Obwohl GiGi streng und beinahe ein wenig herrisch sein kann, gibt sie sich alle Mühe, ihre kleine Schwester auf das Leben vorzubereiten und ihr ganz im Sinne der Mutter die besten Ratschläge mit auf den Weg zu geben. Vor allem trichtert sie GiGi ein, dass Fleiß, Ehrgeiz und beständiges Lernen in ihrem Leben im Mittelpunkt stehen sollten.yeh-kat-kirschen-im-schnee
An echten Freunden mangelt es GiGi jedoch. So hofft sie auf einen Neuanfang, als ein Geldgewinn im Lotto und ein Umzug, der auch einen Schulwechsel an eine schicke Privatschule mit sich bringt, ihr die Möglichkeit zu bieten scheinen, sich ganz neu zu erfinden. Mit einem neuen Namen, den sie sich selbst wählt, und einem neuen Auftreten scheint dies auch zunächst richtig gut zu gelingen. Doch Freundschaften bringen bisweilen auch Probleme mit sich. Auch an Privatschulen gibt es Neid und Mobbing, und auch schlicht und ergreifend die Pubertät an sich macht bald nicht nur GiGi das Leben schwer, sondern belastet auch zunehmend das Verhältnis zu ihrer Schwester. Und obwohl die beiden sich über alles lieben, ist es für keine von ihnen leicht, von den eigenen Prinzipien abzuweichen, aufeinander zuzugehen und wieder zu einem gegenseitigen Verständnis zu kommen. Für das Leben gibt es nun einmal vielleicht kein perfektes Rezept. Die zwölfjährige GiGi erzählt ihre Geschichte in Ich-Perspektive. Als nahbare, glaubwürdige und ausgesprochen sympathische Protagonistin nimmt sie den Leser sehr schnell für sich ein und bindet ihn somit auch emotional an ihre Erzählung. Nicht nur GiGi, sondern auch ihre Schwester und nahezu alle zentralen Nebenfiguren überzeugen als vielschichtige, interessante und charismatische Charaktere, die der Geschichte Leben einhauchen und sie unmittelbar zugänglich machen. So liest sich der Text flüssig und zieht den Leser unmittelbar in seinen Bann – nicht zuletzt auch deshalb, weil die im Grunde eher emotional fokussierte Geschichte durch immer wieder unerwartete Wendungen und Entwicklungen durchaus einen effektiven Spannungsaufbau zu generieren vermag. Zudem ist die Erzählung nicht nur inhaltlich und stilistisch ansprechend, sondern das Buch auch als Ganzes mit großer Liebe zum Detail und viel Herzenswärme gestaltet; so sind etwa vielen Kapiteln Rezepte vorangestellt, die oft neben Zutaten und Backanleitung auch Ratschläge und Lebensweisheiten beinhalten, die nicht nur für die Protagonistinnen von Bedeutung sein können. Zusammen mit dem originellen Cover und der kreativen typographischen Gestaltung bietet die Autorin somit nicht nur eine wirklich zu Herzen gehende Geschichte, die tatsächlich gute Laune vermittelt, sondern das gewisse Extra, dass das Buch zu einem ganzheitlich tollen und empfehlenswerten Leseerlebnis macht.      (fpf)

Das Ganze noch einmal von vorne

Der Tag könnte für Ellie gar nicht schlimmer laufen: Ihre Eltern haben einen Riesenstreit, auf dem Weg zur Schule wird sie geblitzt. Weil sie den Regenschirm vergessen hat, sieht sie auf dem Foto für das Jahrbuch aus wie ein Zombie; kurz bevor sie ihre Rede für die Wahl zur stellvertretenden Jahrgangssprecherin hält, isst sie Kuchen mit Mandeln – worauf ihre Lippen so dick anschwellen, dass sie sich vor der ganzen Schule und natürlich vor den hämisch kichernden Cheerleadern blamiert. Montage
Das Vorspielen für die Softball-Mannschaft vermasselt sie auch, ebenso wie die Geschichtsarbeit, für die sie vergessen hat, zu lernen. Und das Schlimmste kommt am Abend: Anstatt einen romantischen Jahrmarkt-Bummel mit ihr zu machen, macht Ellies Freund Tristan mit ihr Schluss. Einziger Lichtblick ist ihr bester Freund Owen, der sie daraufhin tröstet und zum Lachen bringt. Trotzdem wünscht sich Ellie bevor sie einschläft vom Universum nur eins: „Bitte lass es mich doch noch einmal versuchen. Bitte gib mir eine zweite Chance.“ Zu Ellies Überraschung bekommt sie eine zweite Chance –  doch leider nicht nur eine zweite: Von nun an erlebt sie jeden Tag den gleichen Montag erneut. Doch es gelingt ihr einfach nicht, Tristan davon abzuhalten, mit ihr Schluss zu machen, egal, mit welchen Mitteln sie sich auch zu ändern versucht. Aber vielleicht ist es gar nicht das, was das Universum von ihr will.
„Eine Woche voller Montage“ ist schamlos bei dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier“ geklaut – und es macht genau so viel Spaß. Zudem verweist Autorin Jessica Brody imbuch sogar auf den Film. Sie hat die tragisch-komische Geschichte auf ein Teenagerdasein mit allen seinen Höhen und Tiefen – na gut, vor allem seinen Tiefen – umgeschrieben und lässt Protagonistin Ellie ein ums andere Mal den Schmetterlingseffekt am eigenen Leib erfahren. Auch wenn die Autorin das ein oder andere Klischee bedient: Ellie lernt dabei, dass es imLeben vor allem darauf ankommt, was man selbst will. Eine bittersüße, stets unterhaltsame Geschichte – von mir gibt es eine klare Leseempfehlung!     (tmb)

„Halbe Helden“

Auf den ersten Blick könnte man den sechzehnjährigen Dane Washington, der mit seiner sehr jungen Mutter in ärmlichen Verhältnissen in Columbia im US-Bundesstaat Missouri lebt, für einen gewöhnlichen, niederträchtigen Schlägertypen halten: Dane löst Konflikte meist mit der Faust und steht somit kurz vor dem Schulverweis von der örtlichen Highschool. Allerdings hat Dane durchaus Prinzipien – er schlägt niemals ohne Provokation, keine Mädchen und auch niemanden, der schwächer als er selbst ist. Und er hat tatsächlich sogar ausgezeichnete Noten in der Schule, denn er ist fest entschlossen, auf ein gutes College zu gehen, seine Mutter stolz zu machen und sich ein besseres Leben aufzubauen. Von seinem derzeitigen Dasein jedoch ist er frustriert: Ihn belastet die finanzielle Situation seiner Familie, für die er ebenso schikaniert wird wie für die Tatsache, dass er seinen eigenen Vater, der Danes Mutter als schwangere Fünfzehnjährige sitzen gelassen hat, nicht kennt.
Danes Leben nimmt eine unerwartete Wendung, als im Haus gegenüber Billy D. einzieht. Der ein Jahr jüngere Junge hat das Down-Syndrom, allerdings ist die Ausprägung bei Billy D. relativ milde: Er ist sich seines genetischen Defekts bewusst und  zu annähernd normaler Konversationen fähig. Er besucht sogar dieselbe Highschool wie Dane, wenngleich er dort ein spezielles Förderprogramm absolviert. Weil andere Jungen ihn jedoch hänseln und bedrohen, sucht er bereits in seinen ersten Tagen auf dem Schulweg Kontakt zu Dane, von dem er glaubt, er könne ihn beschützen.
Dane ist die Aufdringlichkeit des behinderten Jungen zunächst unangenehm, doch er kann sich ihm kaum erwehren und findet sich notgedrungen damit ab, dass Billy D. ihm bald täglich an den Fersen klebt. Wider Willen beeindruckt er Dane sogar, denn mitunter scheint Billy D. eine sehr klare Sicht auf die Dinge zu haben, und in der Tatsache, dass auch Billy D. allein mit seiner Mutter lebt, finden die beiden sogar eine Gemeinsamkeit.1600x1200_resize_up_Halbe_Helden
Als Dane sich in der Schule wieder einmal provozieren lässt und zuschlägt, wird die Situation für ihn ernst, denn bei einem einzigen weiteren Vergehen ist der Schulverweis unumgänglich. Jedoch ist dem Schulpsychologen Mr. Bell nicht verborgen geblieben, dass Dane sich um Billy D. zu kümmern scheint. Dieser bestätigt auf Nachfrage, dass Dane ihn beschütze. So schlägt Bell Dane einen Handel vor: Er soll sich offiziell als Mentor für Billy D. verpflichten, wofür ihm – sofern die Abmachung funktioniert – im Gegenzug das Nachsitzen erlassen wird und einige Vergehen aus seiner Schulakte gestrichen werden.
Zu Danes positiver Überraschung kommt besonders bei seinen Mitschülerinnen die Tatsache, dass er Billy D. unter seine Fittiche nimmt, gut an. Billy D. ist sich jedoch der Macht, die er nun über Dane hat, durchaus bewusst, und er erweist sich als geradezu manipulativ: Bald schon eröffnet er Dane, dieser müsse ihm helfen, seinen Vater wiederzufinden – während Billy D. im Gegenzug auch Dane auf der Suche nach dessen Vater behilflich sein könne.
Dane ist von dieser Idee zunächst wenig angetan, doch Billy D. – einerseits nett, freundlich und ein wenig langsam im Kopf, dann wieder knallhart kalkulierend und keineswegs mit mangelndem Selbstbewusstsein – macht ihm schnell klar, dass er in der Zweckbeziehung der beiden am längeren Hebel sitzt und jederzeit für Danes Schulverweis sorgen kann.
Für Dane ist Billy D. schwer einzuschätzen, doch er sorgt sich auch aufrichtig um ihn, sodass er schließlich einwilligt. Keiner der beiden ahnt, auf welch abenteuerliche Reise sie sich somit gemeinsam begeben …
Herrlich erfrischend, unbefangen und mit viel Wärme stellt das Buch den ja noch immer bedauernswert oft verklemmten Umgang mit Themen die geistiger Behinderung auf den Kopf und auf den Prüfstand. So sieht sich auch der Leser immer wieder dazu angehalten, seine eigene Definition von „normal“ zu überdenken und muss gelegentlich womöglich sogar unterbewusste Vorurteile über Bord werfen. Vor allem aber ist der Roman eine temporeich erzählte, originelle und bis zuletzt spannende Freundschaftsgeschichte mit starken Protagonisten, authentischen Dialogen, und jeder Menge Charme. Die Nominierung für den Deutschen Jugendliteraturpreis und die Auszeichnung mit dem Leipziger Lesekompass hat der Text sich in jedem Fall mehr als verdient.    (fpf)

 

Eine Liebesgeschichte auf der Comic Con

51YyLlwMjgLGraham ist ein Geek. Zum Glück ist das heutzutage nicht mehr so uncool wie früher, und eigentlich wäre er mit seinem Leben ganz zufrieden – wenn er nicht vor einigen Monaten herausgefunden hätte, dass er in seine beste Freundin Roxy verliebt ist. Die ist ein ebensolcher Geek wie er und lebt gleich nebenan, und zudem haben die beiden zusammen eine Comic-Serie erfunden, für die Roxy zeichnet und Graham textet. Graham ist fest entschlossen, Roxy auf der Comic Con in New York endlich seine Liebe zu gestehen. Dafür schmiedet er  eifrig Pläne: Vielleicht wäre das Panel ihres Lieblingsautors Robert Zinc die ideale Gelegenheit dafür, oder die als Überraschung gedachte Vorführung ihres Lieblingsfilms „Pretty in Pink“. Doch leider scheitern alle Pläne von Graham an widrigen Umständen: Das fängt schon damit an, dass sie für  Zinc keine Karten mehr bekommen. Dann meldet Roxys Freundin sie auch noch spontan zum Speeddating an, und plötzlich taucht der gutaussehende Engländer Devin auf der Bildfläche auf und heftet sich an Roxys  Fersen – was Grahams Pläne in mehr als einer Hinsicht durchkreuzt…
Der Leser leidet unwillkürlich mit Graham mit, wenn sich einer seiner Pläne nach dem anderen in Luft auflöst – und er beginnt, den eigentlich ganz sympathischen Devin genau so inbrünstig als „das Gurkensandwich“ zu hassen, wie Graham es tut. Der Autorin Sarvenaz Tash gelingt es sehr gut, die Atmosphäre der New Yorker Comic Con einzufangen, mit allem Fan-Wahnsinn und liebevollen kleinen Details. Viele Anspielungen auf Kult-Fernsehserien, Bücher und Comics machen das Buch natürlich besonders für diejenigen interessant, die selbst ein bißchen „geekig“ sind. Die Lieblingsserie von Graham und Roxy, „Die Chroniken von Althena“, ist aber ebenso fiktiv wie der Autor Robert Zinc. Eine kurzweilige und unterhaltsame Lektüre, bei der lediglich der deutsche Titel etwas verunglückt wirkt – schließlich erscheint „The Geek’s Guide to Unrequited Love“ viel passender für Grahams Situation.      (tmb)

Einblick in eine exotische, fremde, erschreckende und faszinierende Welt

„Das Mädchen Wadjda“ ist bei cbt erschienen.
„Das Mädchen Wadjda“ ist bei cbt erschienen.

Saudi-Arabien hält einen traurigen Rekord – es ist das Land, in dem Frauen und Mädchen die wenigsten Rechte und Freiheiten genießen. Ebendort, in der Hauptstadt Riad, wächst die elfjährige Wadjda auf, und sie kennt es nicht anders. Doch das heißt nicht, dass sie sich widerstandslos mit allen Verboten und Einschränkungen abfinden will! Wadjda interessiert sich für Mode und trägt Jeans unter ihrem Vollschleier, wenn sie aus dem Haus geht. Sie hört zu Hause moderne westliche Musik, und es ärgert sie, dass die Leute argwöhnisch schauen, wenn sie mit ihren besten Freund Abdullah unterwegs ist – denn schon in ihrem Alter wird eine Freundschaft zwischen Jungen und Mädchen als unzüchtig angesehen. Vor allem aber wünscht sich Wadjda um jeden Preis ein Fahrrad. Auch, wenn sich das natürlich ebenfalls für ein Mädchen nicht ziemt.
Wadjda aber ist ehrgeizig und erfinderisch: Heimlich verkauft sie etwa in der Schule selbstgeknüpfte Armbänder und Mixtapes mit aus dem Radio aufgenommenen Liedern, um das Geld für ihr grünes Traumrad zusammenzubekommen. Dann aber wird sie erwischt, ihre Einnahmequelle versiegt – und plötzlich ist ausgerechnet der Koranrezitationswettbewerb mit 1000 Riyal Preisgeld ihre einzige Chance, sich ihren Traum noch verwirklichen zu können. Und das ist nicht Wadjdas einzige Sorge, denn auch in ihrer Familie liegt Einiges im Argen, denn nachdem Wadjdas Mutter ihm keinen Stammhalter hat schenken können, sucht ihr Vater nun plötzlich nach einer Zweitfrau …
Eine exotische, fremde, oft gleichzeitig erschreckende und faszinierende Welt ist es, in die die Autorin allerdings erstaunlich nahbare und anschauliche Einblicke gibt, und die Geschichte – die tatsächlich einen Film Hayfa Al Mansours nacherzählt – fesselt mit komplexen, lebensechten Figuren und einer spannenden Handlung. Für alle, die gern einmal kulturell über den Tellerrand schauen und sich außerdem für wirklich außergewöhnliche Geschichten interessieren, eine mehr als empfehlenswerte Lektüre! Unbedingte Leseempfehlung!     (fpf)

Auf der richtigen Seite

Um Mauern, Grenzen und vor allem um die Vorurteile, die Menschen auf beiden Seiten gegenüber einander haben, geht es wieder bedauerlich oft in den gegenwärtigen Nachrichten. William Sutcliffes politische Fabel „Auf der richtigen Seite“ ist daher leider mehr als zeitgemäß, und obwohl sie in der fiktiven Stadt Amarias spielt, macht der Autor keinen Hehl daraus, dass diese ein reales Vorbild hat – den Gazastreifen in Israel.
Der dreizehnjährige Joshua lebt mit seiner Mutter und deren zweitem Ehemann Liev in Amarias, einer sicheren, ordentlichen Siedlung in der Besatzungszone, die jedoch an eine Mauer grenzt, hinter der sich Feindesland befindet; es gibt Grenzposten, Militäroffensiven, niemand wagt sich freiwillig auf die andere Seite. Joshuas Vater ist vor Jahren bei einem Militäreinsatz ums Leben gekommen; seine Mutter und insbesondere Liev warnen ihn immer wieder vor der Gefahr durch die Feinde jenseits der Mauer.
Eines Tages fliegt Joshuas Fußball versehentlich auf ein eingezäuntes Baustellengelände direkt an der Mauer. Als Joshua auf das Grundstück klettert, entdeckt er zufällig einen Tunnel, der offenbar unter der Mauer hindurch auf die andere Seite führt. Entgegen jeder Vernunft folgt er dem Gang und kommt tatsächlich im feindlichen Teil der Stadt heraus.
Als er aus der schmalen Gasse tritt, in der der Tunnel endet, findet er sich mitten im bunten Markttreiben. Durch seine andersartige Kleidung fällt er jedoch auf, und bald erspäht ihn eine Jungenbande und hetzt ihn durch die Straßen. Ein unbekanntes Mädchen, das sich als Leila vorstellt, versteckt ihn in letzter Minute in ihrem Hauseingang; später bringt sie ihn – getarnt mit einem Gebetsschal ihres Vaters – zurück zum Tunnel.
9783644525016Joshua gelangt sicher zurück nach Hause, spürt jedoch, dass er mit niemandem über die Ereignisse reden kann. Er hat zunehmend das Gefühl, dass die heile Welt auf seiner Seite der Mauer und das Feindbild, das ihm von den Menschen auf der anderen Seite vermittelt wird, nicht richtig sein können. Zudem plagen ihn Gewissensbisse, da er versehentlich den Gebetsschal mit durch den Tunnel genommen hat.
Getrieben von dem Wunsch, den Schal zurückzubringen und sich mit einigen Lebensmitteln bei dem offensichtlich armen Mädchen für seine Hilfe zu revanchieren, unternimmt Joshua einige Wochen später einen neuerlichen Ausflug durch den Tunnel. Es gelingt ihm, die Sachen zu überbringen; obwohl Leilas Familie zunächst misstrauisch ist, gewinnt er schließlich ihr Vertrauen. Es ist der Beginn einer Freundschaft, die es eigentlich nicht geben dürfte, und mit jedem weiteren Gang durch den Tunnel, den Joshua unternimmt, wird es für ihn gefährlicher – besonders, als sein Stiefvater Verdacht schöpft. Doch Leila und deren Familie, die für ihn immer wichtiger werden, will Joshua nicht mehr aufgeben; zudem hat er das Gefühl, gebraucht zu werden, denn Leilas Vater etwa benötigt dringend Medikamente, die nur auf Joshuas Seite der Mauer zu bekommen sind.
Joshua weiß, welche unerbittlich schwere Strafen auf den Schmuggeln von Medizin stehen, doch dass ein Soldat auch auf einen Jungen schießen würde, hat er nicht erwartet – bis er eines Tages querschnittsgelähmt im Krankenhaus erwacht. Doch noch in der Klinik beschließt er, dass sein Schicksal vielleicht einen Unterschied machen kann: Er will sich nicht vom Hass vereinnahmen lassen, sondern für eine gemeinsame Zukunft ohne Mauer für seine und Leilas Generation kämpfen…
Eine sehr eindringliche Ich-Erzählung, die authentisch und bewegend insbesondere auch Joshuas Gewissenskonflikte vermittelt und den Leser mitten in seine Welt hineinzieht. Inhaltlich dicht erzählt und durch die Unvorhersehbarkeit der Handlung spannend von der ersten bis zur letzten Seite vermittelt insbesondere auch der lebendige, bildreiche Sprachstil anschaulich die Brisanz des behandelten Konflikts, dessen reale Vorlage der Leser beständig vor Augen hat. Eine wichtige neue Perspektive, verpackt in eine fesselnde Lektüre – nicht nur für politisch interessierte junge Leute eine absolute Leseempfehlung.     (fpf)

Dein letzter Gottesdienst?

Und wieder einmal sind wir mittendrin in der alljährlichen Zeit der Konfirmationen, Kommunionen und Firmungen. Familien ziehen sonntags festlich gekleidet in die Kirche, und nach dem feierlichen Gottesdienst gibt es ein Fest und Geschenke. Dass letztere für zahlreiche Kinder und Jugendliche das eigentlich Interessante an der ganzen Sache sind, und dass man viele von ihnen danach tatsächlich allenfalls noch an Weihnachten oder zu besonderen Anlässen in der Kirche sehen wird – das ist ein offenes Geheimnis, wird allerdings nur sehr ungern offen ausgesprochen. Gerade hier aber setzt ein schonungslos ehrliches und erfrischend anderes Jugendsachbuch des renommierten Autors Nikolaus Nützel nun an: Er stellt die verpönte Frage, fragt sich aber auch, wie es dazu kommt – und ob es so sein muss. Ein wirklich tolles Geschenk zum Fest, aber auch für alle anderen jugendlichen und erwachsenen Gläubigen und Zweifler absolut lesenswert!

Dein letzter Gottesdienst von Nikolaus Nuetzel
Dein letzter Gottesdienst von Nikolaus Nuetzel

Mit 18 Jahren ist Nützel aus der Kirche ausgetreten. 24 Jahre später ist er wieder eingetreten. Nicht, weil er eine plötzliche Erleuchtung erfahren hat, sondern weil er sich in der Zwischenzeit viele Gedanken über die Kirche und ihre Bedeutung gemacht und auch analysiert hat, weshalb sie ihm als Jugendlichem nach der Konfirmation erst einmal so gar nichts mehr zu sagen hatte. Und genau diese Überlegungen stellt er in dem Buch für und mit Jugendlichen gemeinsam an – ohne Denkverbote nimmt er gründlich und fundiert, vor allem aber ausgesprochen zugänglich und auf Augenhöhe zur Zielgruppe den Glauben unter die Lupe.
Da geht es um Dinge wie die Zugänglichkeit: Mal ehrlich, warum wissen im Gottesdienst denn meist nur die Alten, wann man aufstehen muss, was man in der Wechselrede bei den Fürbitten sagen muss, wie das mit dem Erbarmen ist? Mit der Konfirmation oder Firmung soll man doch eigentlich dazugehören – das fühlt sich aber oft gar nicht so an! Was bedeutet also die Konfirmation oder Kommunion, und warum gibt es sie? Was gehört dazu, und wozu sagt man denn überhaupt „Ja“, bevor der Pfarrer einen segnet?
Wie, wo und vor allem in welchem Maß Kirche und Glauben in unser aller Leben hineinwirken und weshalb die Bibel manchmal so angestaubt wirkt, es aber gar nicht sein müsste. Was einen Christen heute ausmacht, und in welcher Tradition wir stehen – einschließlich unschöner Kapitel wie der Kreuzzüge. Ob es bessere, coolere, ungezwungenere Alternativen gibt, und ob eine Welt ohne Kirche womöglich auch eine Option wäre. All diesen Fragen geht der Autor nach, und er betrachtet sie ausgewogen, differenziert und stets fair. Das Buch will weder abschrecken noch für Kirche oder Glauben werben – es will vielmehr zum kritischen Nachdenken und Abwägen anregen, und das gelingt auf bemerkenswerte Weise.
Ein Buch, das anders, einzigartig und tatsächlich fesselnd ist – und gerade in unserer heutigen Zeit vielleicht einmal wirklich dringend nötig war. Eine absolut gelungene, tatsächlich auch für junge Leser ansprechende Lektüre, und somit eine unbedingte Leseempfehlung!     (fpf)

Der Mörder weinte

In der Einsamkeit der kargen, unbarmherzigen Landschaft an der Südspitze Chiles lebt der kleine Paolo mit seinen Eltern in einer Hütte, fernab von anderen Menschen. Nur hin und wieder kommen Wanderer und Reisende vorbei, ansonsten hat die Familie kaum Kontakt zur Außenwelt. Eines Tages klopft Angel Alegría, ein verurteilter Mörder auf der Flucht, an die Tür – und ohne zu Zögern, tötet er Paolos Eltern, um in der Hütte Unterschlupf finden zu können.Der Mörder weinte
Trotz all seiner schlimmen Taten bringt es Angel jedoch nicht über sich, sein Messer gegen Paolo zu erheben. Er verschont den Jungen, und obwohl er dessen Gegenwart zunächst nur widerwillig toleriert, berührt Paolo bald sein Herz und Angel beginnt, sich um das Kind zu kümmern. Es vergehen beinahe zwei Jahre, bis wieder ein Reisender ihre Zweisamkeit stört: Luis, der ziellose Weltreisende, bittet um Einlass. Angel würde ihn am liebsten töten, doch Paolo zuliebe lässt er Luis bleiben, und bald bilden die drei eine recht ungewöhnliche kleine Familie – jeder der Männer übernimmt auf seine Weise eine Art Vaterrolle für Paolo, und bisweilen konkurrieren sie um seine Zuneigung. Während Angel Paolo handwerkliche Fertigkeiten beibringt, führt Luis ihn in die Welt der Bücher und Gedichte ein. Als Paolo etwa elf Jahre alt ist, schlägt das Schicksal zu: Nachdem ihre Ziegen gestorben sind, ist es für die drei Einsiedler unmöglich geworden, sich selbst zu versorgen, und sie müssen zu einem Viehmarkt in die nächste Stadt aufbrechen. Nicht nur für Paolo, der noch nie die Zivilisation erlebt hat, wird die Reise zu einem großen Abenteuer – vielmehr gerät sie für alle Beteiligten zu einem lehrreichen, oft schmerzhaften Weg zu sich selbst, denn Angel ebenso wie Luis werden von ihrer Vergangenheit eingeholt und müssen sich dem stellen, was sie zuvor waren und was in der Einsamkeit aus ihnen geworden ist…
Bereits in ihrem mehrfach ausgezeichneten Roman „Die Zeit der Wunder“ fesselt Anne-Laure Bondoux nicht nur durch eine starke Geschichte, sondern besonders durch die psychologische Tiefgängigkeit ihrer Erzählung. Auch „Der Mörder weinte“ ist ein eher leises, aber sehr beeindruckendes und bewegendes Buch, das den Leser zum Nachdenken anregt. Die drei Hauptfiguren haben niemals gelernt, über ihre Gefühle zu sprechen, und doch steht vor allem das Wechselbad der Emotionen, das sie in ihrer Beziehung zu sich selbst und zueinander erleben, im Mittelpunkt der Geschichte.
Die Sprache des Buches ist durchweg sehr poetisch, und das Schicksal der Protagonisten geht unter die Haut: Der kleine Junge, der Liebe ausgerechnet vom Mörder seiner Eltern erfährt; der Mörder, den ein kleiner Junge wieder lehrt, wofür es sich zu leben lohnt, der gebildete Gutmensch, der letztlich entgegen aller Erwartungen zum Verräter wird und doch späte Reue zeigt und Versöhnung findet. Der Leser weiß nie, wie sich die Geschichte weiter entwickeln wird, und doch ergibt sich am Ende ein stimmiges Ganzes und ein zutiefst berührendes Porträt der menschlichen Seele. Unbedingt lesenswert!     (fpf)